Wiesbadener Tagblatt

 

Erst da atmen, wo die anderen frieren

Hedi Hummel und ihr neues Buch "Nachsaison in Duhnen"/In Cuxhaven recherchiert

Vom 17.04.2008

Bei dem Namen kann man eigentlich nur Autorin werden: Die Wahl-Wiesbadenerin Hedi Hummel hat jetzt ihren zweiten Roman geschrieben. Am morgigen Freitag, 18. April, stellt sie ihr Buch "Nachsaison in Duhnen" um 19 Uhr im Frauenmuseum (Wörthstraße 5) vor.


Von

Birgitta Lamparth

Manchmal ist es nur ein Satz. Und dann wird daraus ein ganzes Buch. Bei Hedi Hummel war es der Satz: "Warum kann ich erst atmen, wo andere frieren?" Und er ging ihr durch den Kopf, als sie wieder einmal auf einem Deich an der Nordsee stand, in Duhnen, einem Vorort von Cuxhaven. "Ich war sicher schon zehnmal dort. Und ich liebe diesen Ort, besonders im November, wenn wenig Touristen dort sind und das Wetter traumhaft schön ist", schwärmt sie.

Als sie vor zwei, drei Jahren also diesen Satz dachte, beschloss sie, vor diesem Hintergrund einen Roman zu schreiben. Heute steht ihr Satz schon auf der vierten Seite des Krimis "Nachsaison in Duhnen", womit sie gleichzeitig der Landschaft dieser Region ein Denkmal gesetzt hat. Denn die stärksten Passagen ihres spannenden Buches sind die, in denen die Weite der Landschaft, ihre Besonderheiten in Flora und Fauna in den Blickpunkt rücken.

Es geht um eine junge Frau, Rita Sieversen. Sie reist nach Cuxhaven, um Abstand von ihrer Liaison zu einem verheirateten Mann zu bekommen. Und stolpert gleich am ersten Tag ihres Urlaubs über die Leiche eines Industriellen. Eine rätselhafte Münze spielt noch eine Rolle, ein Schloss und ein Heimatdichter.

Diese Münze, erzählt Hedi Hummel, gebe es wirklich, sie habe sie sogar in der Hand gehabt. Auch die Geschichte des Naturlyrikers stimme, und überhaupt seien die historischen Fakten exakt recherchiert. So exakt, dass ein Stadtarchivar in Cuxhaven gesagt habe: "Nun seien Sie doch nicht so genau - Sie schreiben doch einen Roman."

Bei aller Gründlichkeit - ihr neues Buch ist dann doch schneller fertig geworden, als ihr Erstling. Der hatte nach den ersten hundert Seiten zehn Jahre auf Halde gelegen, bevor Hedi Hummel, angeregt durch die FH-Schreibwerkstatt, wieder weitermachte und ihn 2004 herausbrachte: "Pluto über Berlin" heißt das Debüt. Auch das eine Reminiszenz an eine Gegend, die sie kennt und liebt. 13 Jahre lang hat sie in der Hauptstadt verbracht, die gebürtige Rüsselsheimerin studierte dort Literatur- und Theaterwissenschaften. Aber der Literatur hatte sie sich schon früher verschrieben, viel früher. Mit 13 schrieb sie ein Theaterstück, "Zorro rächt sich." Das wurde damals sogar in einer Jugendgruppe der Kirche aufgeführt, erinnert sie sich. Dann schrieb sie Chansons, trat auch damit auf.

Nach dem Studium und einem dreimonatigen Aufenthalt in einem Zen-Tempel in Tokio hospitierte sie beim ZDF im Lektorat. Heute ist sie Redakteurin bei dem Sender in Mainz, betreut das samstägliche Spätfilm-Programm.

Die ersten Seiten von "Pluto über Berlin" entstanden in einer Arbeitsgemeinschaft, in der es eigentlich um die Magisterarbeit gehen sollte. Aber dann schrieb jeder fünf Seiten zu einem vorgegebenen Krimi-Thema - damals übrigens nicht am PC, sondern mit dem Stift, "das hat den Vorteil, dass man überall schreiben kann".

Ihr Debüt, sagt Hedi Hummel, sei im Stil "viel verrückter, ironischer, da bin ich jetzt schon einen Tick gesetzter." "Pluto über Berlin" sei "eine kriminelle Liebesgeschichte" - zu der das Tagblatt übrigens damals die erste Rezension schrieb. Und auch in "Nachsaison in Duhnen" gehe es natürlich um die Liebe, denn plötzlich gibt es mehrere Menschen, die sich um Rita Sieversen bemühen... Ohne eine Liebesgeschichte würde ihr das Schreiben nicht soviel Spaß machen, bekennt Hummel.

Die ersten, die diese Handlung miterlebten, waren die Mitglieder von Hedi Hummels Schreibgruppe. Einmal im Monat tagt die "Gruppe 95" in Mainz. Zehn Autoren stellen dabei die weiteren Seiten ihrer neuen Projekte vor. Das helfe enorm, sich zu disziplinieren, sagt Hedi Hummel, die an ihrem ZDF-arbeitsfreien Freitag immer schreibt: "Beim nächsten Treffen muss ich ja neues Material haben." Mit der Autorin Hilde Möller ist sie besonders verbunden, beide unterstützen sich auch bei Lesungen.

Und was plant sie als nächstes? Nicht unbedingt einen Krimi - der sei nämlich gar nicht so ihr Genre. Das Thema Wasser fasziniere sie besonders, die innere Struktur dieses Elements. Dazu könne sie sich ein Buch vorstellen.

Und ans Wasser wird sie mit ihrem derzeitigen Werk auch gehen: Natürlich werde sie auch in Cuxhaven lesen, sagt Hedi Hummel. Schließlich braucht sie ja die Luft zum atmen, wo andere frieren.

 

 

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