Leseproben aus Margaret Kassajep: Dornbusch

 [...] „Ach ja!“ kicherte Vera. Sie begab sich zu einem Schrank, kramte und zog ein Fotoalbum hervor. Nun nahm sie neben mir Platz, blätterte in dem ziemlich umfangreichen Band, dessen durchsichtige Zwischenblätter raschelten, und deutete auf dieses und jenes Bild. Ich bemerkte, dass ihre Fingernägel genau auf das Päonienrot ihres Kleides lackiert waren. Ich fing zu zittern an und entsann mich dieses Zitterns vor einigen Jahren, als ich einem Huhn den Hals durchschneiden musste. Es schrie gottserbärmlich, und ich dachte an die Katze. Zugleich daran, dass niemand mich das Haus und die Wohnung Veras hatte betreten sehen.

Ich reiße an Veras Ausschnitt, zerre das verdammte Blutfleckenkleid runter, Veras Pupillen platzen. Der Stoff zersplittert. Sie liegt im Hemd vor mir. Wir schreien auf als sähen wir ein Monster aus der Ecke auftauchen. Ich stoße mein Glied in sie, ihre Schenkel öffnen sich. Möglicherweise hat sie seit längerem nichts mehr zwischen ihnen gehabt. Wir röhren Mund an Mund. Unsere Zähne knirschen aufeinander. Als wir fast zusammen den Orgasmus haben, ist die Idee geboren. Ich greife mit beiden Händen nach ihrem Hals. Vera haucht „Du – du – “ Vom Fenster her trifft sie der feine Goldregenstaub der Abendsonne des Südwestkorsos. Ein letztes Luströcheln. Ich sehe das Leben an mir vorüberrinnen. Viele Wesen mit Armen, Beinen, Köpfen.

Eine Viertelstunde später begab ich mich ins Bad und wusch meine Hände, obgleich kein Blut geflossen war. Ich betrachtete mich im Spiegel über dem Waschbecken. Mein rechtes Lid zuckte nicht mehr, aber mein rechter Mundwinkel hing etwas nach unten. Sorgsam trocknete ich mir die Hände. Bevor ich die Wohnung verließ, warf ich einen letzten Blick ins Zimmer zurück, in dem Veras unordentlicher Körper lag. [...]

 ***

[...]An manchen Tagen sah Dornbusch drein, als käme ihm die pure Weisheit der Alten von der Agora zugeflossen. Er horchte sich nach ganz innen durch, den Kopf leicht schräg gestellt. Urmythen warfen Blasen. Er nickt. Ja, genau! So war es! So fing alles an! Die Katze! Der Pfeil. Der Bogen! Der Krieg, Lieb Vaterland, magst ruhig sein! Deutschland erwache, Juda verrecke! Von der Ostsee bis zur Schweiz erkennt man das Rindvieh am Hakenkreuz! Es ist so schön, Soldat zu sein! Nun danket alle Gott!

Aber der ist ja nur der Bodensatz, mein lieber Daddeldu! Drüberhinaus musst du fliegen lernen. Griechisch lernen, Homerisch! Der Berg Ida ruft dich vom Blechgeschirr weg! Du bist zum Höheren berufen! Du wirst zum Menschenritter geschlagen! Der Eiswind des Universums streicht um dich! Ja, Dornbusch Anselm, du bist beim Namen gerufen, wirst von der Liste abgehakt. Nun bist du der, welcher kein Schicksal mehr im Pass hat. Alle Stempel gelöscht! Du bist das Neutrum. Frag nichts nach! Bastelstunde abgesagt! Die Laubsäge beiseitegelegt, die Töpferschale steht still, Hände von Lehm befreit, Licht aus!

Ja, ich, Dornbusch Anselm, war verschüttet. Auch dieser Schrecken vorüber. Die weite See wieder spiegelglatt. Silberstreifen, Sphärenklänge. Ja, ich war verschüttet! Also, ein bisserl stört mich ja der Anstaltskittel schon. Aber was solls! Ich bin der, der zu tief in den Brunnen geschaut hat. Der Kaunisch, der Dr. Kaunisch, Seelenzergliederer, dem seine Sprüche – und seine Spritzen! Also da ist Arkadien nicht! Ich will mit dem Schicksal nicht hadern! Hat es letztendlich gut gemeint! Frontal zwar, aber nur leicht verletzt! Wenn nur die Nächte nicht so endlos –

Also: Fünfzig Kniebeugen, Tabletten, kaltes Wasser, gehen von der Tür zum Fenster, zählen bis zum Morgengrauen.[...]

***


[...] „Du musst von Zeit zu Zeit deiner Vereinsamung den Rücken kehren!“ – Ja ja –  ich, Dornbusch torkle an einem Zug Rösser vorbei. Wie Granitgestein. Dumpftraurigergebeninihrschicksal! Ein Fass fällt vom Himmel. Bier und Blut. Alle lachen.

Nein, das sind die Totenglocken nicht. Das sind die Schauermärchen aus dem Wald, und was da hervorbricht, ist das Essen von gestern. Und die Seele obenauf. Ja, die Seele ist dabei kaputtgegangen! Ich mag das doch nicht! Das Ding, das so laut ist und Wumm wumm macht und explodiert und den Himmel versaut. Ein Mann mit rotem Gesicht und rotem Janker wird vorbeigetragen. Der halbe Maßkrug steckt noch in seinem Kopf, macht nix! Die Blaskapelle spielt ein Lied dazu, und aus den Blusen hängen die Busen und aus den Hosentürln die Zipfel, und „Was mag denn mein kleins Scheißerl?“ – und „es war nicht so gemeint, Prost, Herr Nachbar!“ – Einer weint, einer haut dem anderen den Tiroler Hut vom Kopf, einer schießt eine Puppe tot, einer frisst Würstl mit Kraut und den Pappteller auch noch, einer klaut eine Brezn, einer zerstampft einen Luftballon mit seinen Nagelschuhen, einer hat ein Kind aufm Arm, eine alleinige Mutter schiebt einen Kinderwagen, zwei vögeln hinter den Abfallhaufen im Rücken der Zelte, einer bricht aus sich heraus wie nie zuvor, einer ist schon tot, einer hat kein Gesicht mehr, einer hat kein Geld mehr, einer hat es nicht geahnt. Und alles war ich, ich, Dornbusch, in den Wirren der Zeit! [...]

 

 

 

© Alkyon Buchverlag Irmgard Keil

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