Leseprobe aus „LIEBES WERBEN“:
 

Frühjahr 1943

 

Münchhausen

 

Prolog:

Am 4. März 1943 wurde in Berlin im Ufa-Palast am Zoo anlässlich des 25. Jubiläums der Ufa vor Funktionären aus Politik und Industrie der deutsche Farbfilm „Münchhausen“ mit Hans Albers in der Hauptrolle uraufgeführt. Die Nazipropaganda lancierte diesen Film als patriotisches Prestigeobjekt, das von der bitteren Kriegswirklichkeit ablenken sollte. So kam er in die Kinos auch der kleinsten Städte, so gelangte eine Kopie auch in das Hotel Deutsches Haus in Werben, an dessen Eingang der Spruch zu lesen war:

 

            Bei Jeggel und seiner Gattin,

            Da kehrt man gerne ein,

            Weil Essen und Getränke

            Dort immer lecker fein.

 

Mittwochmorgen, den 15. Mai 1943, griff mein Großvater, Fleischermeister August Nagel, zum Telefon und rief Friedrich Jeggel, den Pächter des Hotels Deutsches Haus, an. Er fragte, ob es ausnahmsweise möglich sei, den nicht jugendfreien Film „Münchhausen“ in einer Art exklusiver Sonderaufführung für seinen Enkel, der heute neun würde, im Festsaal vorzuführen.

Fleischermeister Nagel: „Meine Tochter hat ihn gesehen und findet, ihren Sohn würden die Abenteuer des Baron von Münchhausen begeistern.“

Pächter Jeggel: „Amouröse Abenteuer, deswegen strengstes Jugendverbot.“

Fleischermeister Nagel: „Das Amouröse sind für ihn böhmische Dörfer, die Abenteuer könnten ihm gefallen.“

Pächter Jeggel: (ungläubig) „Ein Kerlchen in meinem Festsaal für über hundert Personen? Allein die Stromkosten …“

Fleischermeister Nagel: „Brauchen sie noch was für den Betrieb?“

Pächter Jeggel: (tuschelt mit seiner Frau im Hintergrund) „Schreiben sie mal auf: drei Kilo Bratfleisch, zwei Kilo Blume, alles vom Rind. Zwei Kilo Kalbskeule.“

Fleischermeister Nagel: „Geht in Ordnung. Ich kann mich auf sie verlassen?“

Pächter Jeggel: „Wenigstens sollte ihr Enkel mit seiner Mutter kommen. Kinder in Begleitung Erwachsener ist zwar in diesem Fall auch nur halber Kram …“

Fleischermeister Nagel: (schnell) „Meine Tochter bringt das Fleisch gleich mit.“

 

So kam es, dass ich in Jeggels schummrigen Festsaal neben meiner Mutter saß und gespannt auf die Leinwand starrte. Mutters Gelächter im Dunkeln: Münchhausen plaudert auf dem Mond mit dem Kopf der Mondfrau, derweil ihr Körper sich um den Haushalt kümmert. „Das könnte auch was für unsere Hausfrauen sein“, findet der Baron.

„So hätten die Nazis ihre Frauen gern“, zischte Mutter.

Ich kniff ihr in den Arm: „Ruhe.“

Münchhausens Weibergeschichten waren mir wurscht, ich hatte eine eigene. Christa, das Mädchen mit den Sterntaleraugen von der Domäne. Eine tragische Liebe, unerwidert, unerfüllt – ich war Luft für sie, einfach Luft.

Doch der prächtige Maskenball, auf dem Münchhausen den Gästen seine Abenteuer erzählt, machte mir Eindruck. So ähnlich hätte ich meinen Geburtstag auch gerne gefeiert. „In Zeiten des Krieges muss gespart werden“, sagte Mutter.

Das Filmgerede von der ewigen Jugend dagegen, die der Zauberer Cagliostro dem Baron verleiht, ging mir auf den Wecker. Gerade war ich neun geworden, das wollte ich nicht ewig bleiben. Ich war doch nicht blöd. Immer neun hieße ewiger Schulbesuch. Nicht mit mir, mein Ziel: schnell erwachsen werden.

Begeistert war ich von Münchhausens Reise auf den Mond in einer geklauten Mondfähre. Auf dem Mond zählte angeblich ein Tag soviel wie ein Jahr auf der Erde. Ich auf dem Mond, ein Spaß, dort zur Schule zu gehen. In dreißig Tagen durch alle Klassen!

Das musste ich Kunze, meinem privaten Englischlehrer, erzählen, staunen würde der.

Mutter und ich waren vor dem pausenlosen Bombenhagel auf Berlin zu den Großeltern geflüchtet. In Werben hatten wir unsere Ruhe. Warum flüchtete Münchhausen vor dem lächerlichen Zorn eines Herzogs gerade nach St. Petersburg, wo auch bald Bomben fallen würden? Dass er sich dort in die Zarin Katharina II. verliebt, ließ mich kalt. Krieg mit Russland, da kamen für eine Zarin keine Sympathien auf.

Münchhausens Ritt auf einer Kanonenkugel ins türkische Lager riss mich vom Stuhl. Wie er auf der Kugel saß, die Hände leicht nach vorn gestützt, wehende Uniformschöße und diese blitzenden wasserblauen Augen, blau wie die Elbe an klaren Sommertagen … Donnerwetter!

Todesmutig entführt er aus dem Lager des Sultans die schöne Prinzessin Isabella und verbringt mit ihr glückliche Tage in Venedig. Mein Herz schlug schneller und ich rutschte nervös auf dem Sitz nach vorn. Könnte ich nicht auch meine heimliche Liebe Christa auf einer Kanonenkugel entführen. Abflug vom Domänenhof – doch wohin? Venedig kam nicht in Frage, das hatte Münchhausen vorgemacht, in Russland wurde gekämpft – brauchte ich überhaupt ein festes Ziel? Die Entführung an sich als Liebesbeweis? Woher bekam ich eine zweisitzige Kanonenkugel? Fragen über Fragen. Die Sache blieb wahrscheinlich ein Traum.

Auf dem Mond stirbt Münchhausens Freund Kuchenreutter, weil der vergessliche Zauberer versäumt, auch ihn unsterblich zu machen. Ein verhängnisvoller Fehler. Meine Freunde wollte ich lange behalten, ich hatte keine Lust, allein Vogelnester auszunehmen, allein durch die Elbe zu schwimmen. Auf seine Freunde muss man aufpassen.

Zum Schluss kehrt der Baron auf die Erde zurück. Als er erklärt, er habe auf die Unsterblichkeit verzichtet, um mit seiner Ehefrau zusammen alt zu werden, fing Mutter bitterlich an zu weinen. Und bevor ein paar mickrige Glühbirnen im Saal angingen, hörte ich sie schluchzen: „Wenn doch Vater endlich aus diesem Scheißkrieg nach Hause käme.“

Herr Jeggel trat aus seinem Filmkabuff, schlurfte in den Saal, bedankte sich bei meiner Mutter nochmals für das Fleisch und sagte, er hoffe, sich nicht den Teufel auf den Hals geladen zu haben. Wegen der Extratour.

 

Englischunterricht am anderen Tag in Kunzes Wohnung. Kunze hatte den Film bereits gesehen und schwärmte von einer einmaligen kulturellen Leistung des tausendjährigen Reiches, über die andere Länder staunen würden: „Ein Feuerwerk von Gags und Einfällen, die Heimatfront kann davon lange zehren.“ Obgleich der richtige Baron aus Bodenwerder ein schlimmes Lügenmaul gewesen sei, den dürfte ich mir nicht zum Vorbild nehmen, nicht in der Schule, woanders auch nicht. Der habe sogar als 74jähriger noch ein junges Ding, ganze 18 Jahre alt, geheiratet. Das konnte nicht gut gehen. Kunze schwieg betroffen, als habe er mir bereits zuviel zugemutet.

„Immerhin“, schloss Kunze, „dass der Münchhausen im Film auf ein ewiges Leben verzichtet, um mit seiner Frau alt zu werden, nenne ich ein moralisches Vorbild für jeden Volksgenossen.“ Mir fielen Mutters Tränen im Kinosaal ein.

Kein Wort über Münchhausens Ritt auf der Kanonenkugel; fand Kunze ihn nicht vorbildlich für uns Volksgenossen? Mein Blick fiel auf eine erleuchtete Weltkugel neben dem Volksempfänger. Manche Flächen um Deutschland waren mit roten Punkten beklebt, auch das Land der Zarin Katharina der II. Kunzes Globus schien mir das ideale Gefährt, rittlings durch die Lüfte zu sausen. Die Geographie der Welt unter dem Hintern, da konnte man sich nicht verfliegen. Was aber sollten die roten Punkte? Hatte er, inspiriert von dem Film, schon mal eigene Reiseziele markiert? Kunze mit seinem ewigen Hüftleiden auf einer Kanonenkugel?

„Die roten Punkte?“

„Ein Volk ohne Raum braucht neue Räume“, sagte Kunze, „die sind rot markiert. Weitere werden folgen.“

Meine Nase tippte fast auf den Globus, alles war dort so dicht gedrängt, ich rutschte mit dem Zeigefinger vom Balkan über Rumänien, Bulgarien zur Türkei der schönen Prinzessin Isabella und atmete auf: kein roter Punkt! Auf dem Mond wohl auch keiner. Münchhausen war unserem Führer voraus.

Ich überlegte: Wenn das tausendjährige Reich auf dem Mond wäre, wo ein Jahr nur einen Tag zählt – ich rechnete ein bisschen hin und her – wäre Hitlers Reich nach drei Jahren beendet. Unser Führer auf dem Mond, müsste Mutter nicht mehr weinen. Ich verkündete Kunze mein Rechenkunststück.

„Lass den Quatsch“, sagte er, „tausend Jahre stehen als Symbol für Beständigkeit. Wie bist du überhaupt in den Film gekommen, der ist doch nicht jugendfrei?“

„Mein Großvater …“, Kunze winkte ab, „konnte ich mir denken.“

„Müsste das aufregend sein, mal wie Münchhausen auf einer Kanonenkugel zu reiten und auf dem Mond zu landen“, schwärmte ich. „Anstelle Englischlernen?“ fragte Kunze hinterhältig, „ohne Fremdsprachenkenntnisse auf den  Mond? Hast du überhaupt eine Kanonenkugel?“ Ich zuckte verlegen die Schultern.

„Wir könnten beim Dreißigjährigen Krieg anfangen“, schlug Kunze vor, „aus der Zeit liegen noch genug herum. Eine Zeitreise zurück und du lernst gleich Werbener Geschichte.“ Ich saß in der Falle. Kunze blätterte bereits in einem Buch.

„Ich dachte, nur eben über die Elbewiesen … nicht so weit zurück … abends muss ich pünktlich …“

„Jetzt pass auf“, sagte Kunze ungerührt.

Juli 1631: Schwedische Truppen unter König Gustav Adolf in Werben. Der Gegner: Graf von Tilly, Führer der katholischen Liga, auf den Elbwiesen. Ein Zeitzeuge: ‘Tilly fing an mit groben Stücken, darunter Vierundzwanzig-Pfünder, auf das schwedische Lager zu spielen, dass auch der Kirchturm zu Werben eingeschossen ward. Nachdem er 72 Schüsse getan …’

„Na, und so weiter“, sagte Kunze, „genug Kugeln, um dir eine passende für deinen kühnen Ritt auszusuchen.“

„Ich muss abends pünktlich bei den Großeltern sein“, beharrte ich trotzig. „Wir denken hier eher an einen geschichtlichen Höhenflug. Den kannst du jederzeit abbrechen und nach Hause gehen“, beruhigte Kunze. „Sitzt du mit deinem Hintern fest auf der Kugel?“

Aus den Augenwinkeln sah ich, wie Kunze blätterte, Seite für Seite umschlug und staunte über seine weißen, feingliedrigen Lehrerfinger, die so ganz anders waren als Großvaters knorrige rote Finger, mit denen er manchmal abends die Schachfiguren schob. Kunze begann ruhig vorzulesen, was ich hörte, war nicht die gebieterische Stimme des Katheder-Menschen, vor der wir in der Schule erschauerten. Ein anderer Geist schien über ihn gekommen zu sein, der erhabene Geist der Geschichte? Kunzes erleuchtete Weltkugel geriet in Bewegung. Vor meinen Augen verschoben sich Kontinente, Länder gerieten durcheinander wie Kraut und Rüben, Berge wankten und barsten und aus ihrer Mitte erhob sich ein großer weißer Palast mit goldenen Zwiebeltürmen. Das Hauptportal ging auf und eine blonde Schönheit in fließendem Gewand schwebte mit weit geöffneten Armen auf mich zu. Die türkische Prinzessin Isabella? Christa von der Domäne? Um ein Haar hätte ich mich in ihre Arme geworfen. Doch dann hörte ich aus weiter Ferne Graf von Tilly „grobe Stücke“ auf den Werbener Kirchturm feuern. Das gab den Ausschlag. Wie Münchhausen schwang ich mich auf einen Vierundzwanzig-Pfünder, sitzgerecht für einen dünnen Jungen, der keine Englischvokabeln pauken will und düste los in den Krieg.

Ich sehe König Gustav Adolf, Held und Rächer der Evangelischen in das Goldbecksche Haus Nr. 227 am Markt einziehen. Ich sehe das griesgrämige Gesicht des Ratsherrn Andreas Goldbeck, als er dem Schwedenkönig sein Haus anbietet – Werben gequält von Kontributionen und Einquartierungen. Ich sehe Oberst Volkmann inmitten einem Haufen Reiterei und Fußvolk. „Quartier für alle“, schreit der Kerl und kümmert sich einen Dreck, wie das geht! Dreißig Pferde und Musketiere in ein Haus. Platz bietet die kleinste Hütte.

Ein paar Tage später: 360 Reiter aus Tangermünde fordern Unterkunft. Unrasiert und angetrunken, die Männer stinken. Keine feinen Leute. Die Offiziere haben auch keine Manieren. Sechs Tonnen Bier zur Hebung der Kampfmoral wollen runtergeschluckt werden. Werben platzt aus allen Nähten, Bierbäuche auch. Die Tagesration eines Musketiers: Drei Pfund Brot, ein Pfund Fleisch, drei Kannen Bier. Woher nehmen und nicht stehlen? Also stehlen von den Werbener Bürgern. Den hohen Tieren der Armeen wird’s hinten und vorne reingesteckt. Für General Melchior von Falkenberg reißen sich den Hintern auf: Zwei Oberstleutnants, zwei Leutnants, ein Kornett, Quartiermeister, Korporal, Feldscher, Lakaien und Knechte. Sechzehn Pferde zupfen an Werbener Heu. Kriegführen macht Spaß. Daheim geht’s dem Melchior schlechter. Richtig schlecht geht es Graf Artenburg und Obrist Baudiss. Sie führen ihre schwedischen Schlagetote bei Sandau durch die flache Elbe, überfallen die Kaiserlichen und klauen in Werben, was nicht niet- und nagelfest ist.

Da fließt Schweiß aus allen Poren, das Bad in der Elbe schafft einen kühlen Kopf. Falsch, denn „danach taten sie einen starken Trunk.“ Raub und Totschlag machen durstig. Beide werden lebensgefährlich krank. Baudiss kriegt die Kurve, Artenburg stirbt. Nicht auf dem Felde der Ehre. Schade! Baudiss, kaum genesen, kriegt die Nase nicht voll. Bei einem Scharmützel vor Werben fällt ihm bescheidener Ruhm zu: „… er stieß einem kaiserlichen Offizier den Pallach in den Leib, dass die Klinge darin sitzen blieb und er nur das Gefäß und einen spaunenlangen Stumpf in der Hand behielt.“

Meine Kugel schwankt, eine leichte Turbulenz über dem Wasser. Feuchte Luftmassen steigen hoch, treffen auf erwärmte Luft. Ich mittendrin. Kunze hat nichts bemerkt. Ich schwebe über der Werbener Schanze. Ein Bollwerk, vom Schwedenkönig erbaut, auf der Spitze zwischen Elbe und Havel. Kanonen bestreichen beide Flüsse. Keine Maus kommt da durch. Ein strategischer Punkt, heiß begehrt von beiden Seiten. Für solchen Vorteil schlägt man sich die Schädel ein.

Rein ins Bollwerk die Sachsen unter Tilly, raus weil die Schweden kommen. Dann wird es brenzlig für den schwedischen Oberst Banner. Er verduftet, lässt anstandshalber einen Stellvertreter zurück. Der türmt hinter Banner her und überlässt die Festung den Kaiserlichen.

Banner wieder in der Schanze. Die Kaiserlichen, voran der Kurfürst von Sachsen, weil’s ums Fliehen geht, setzten über eine Schiffsbrücke. In dem Durcheinander kommen dem Sachsen Tanzbär und Hofnarr abhanden. Er bricht in Tränen aus. Welch ein Verlust. Wer macht jetzt die Musik? Schon geht es weiter: Schweden gehen, Sachsen kommen, Sachsen fliehen, Schweden … Wer blickt da noch durch? Ich von hier oben nicht.

Kunze klappte sein Buch zu und ich fiel von meiner Vierundzwanzig-Pfünder. Phantasie und Wirklichkeit? Allmählich kehrten meine Geister in Kunzes Stubenwirklichkeit zurück.

„Münchhausen, ein begabter Geschichtenerzähler“, schloss Kunze, „doch seine Geschichten alle erstunken und erlogen. Was du soeben auf deinem Ritt durch den Krieg erlebt hast – alles wahr. Leider. Armes Werben!“

„Ich möchte später auch Geschichten erzählen“, sagte ich unvermittelt und staunte über diesen Satz.

 


 

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