Leseprobe aus "Abschied" [in: Keine Bleibe für Schnee]

Ich habe sie bewundert, sitze an meinem Schreibtisch, sehe die Kirschen reifen und frage mich, ob die Stimmen verstummt wären, hätte ich sie weniger geliebt.

Obwohl der Garten schön ist, vermisse ich meine alte Wohnung, das Knacken der Dielen, die schiefen Wände, die nachlässig gestrichenen Decken mit den Farbnasen, ja sogar das verhasste Tropfen des Duschkopfes vermisse ich, den Tand, das anarchische Chaos und die Halme der Heuballen im Treppenhaus, ebenso wie die Kaninchenköttel, die ich fast mehr vermisse als die Kaninchen selbst. Ich vermisse die Kinder, ihre in den Weg geworfenen Roller und Hula-Hoop-Reifen, das sirenengleiche Schreien der Jüngsten, das mich des Öfteren aus dem Schlaf gerissen hat. Die neue Wohnung ist modern, die Kacheln im Bad sind lotgerecht befestigt, das Fugenmaterial sauber eingespritzt, die Fußböden ermöglichen ein senkrechtes Aufstellen der Schränke, ohne das Unterschieben von Holzkeilen verschiedener Stärken, die Fenster sind doppelt verglast und Schall isoliert, kurz gesagt, die neue Wohnung ist perfekt, zu perfekt.

Dennoch war es gut umzuziehen, ein Leben ohne Stimmen, ich höre sie nicht mehr, will sie nicht hören, schicke sie von mir, sobald sie laut werden, schreibe und schreie gegen sie an, hole nach was Mascha nicht vermochte, schreibe und hoffe, dass es irgendwann leichter wird. Ich lebe.

Die Kirschen sind klein und hell. In zwei Wochen, wenn sie reif sind, pflücke ich sie, allerdings nur die unteren, die oberen lasse ich den Vögeln. Vielleicht koche ich Marmelade, wie mein Vormieter, der mir ein paar Gläser Kirschmarmelade auf einem Regal im Keller hinterlassen hat. Am Rande des Regals, auf dem die Marmeladengläser stehen, lehnt ein Ölbild von Mascha, das einzige von ihr gemalte Bild, das ich besitze.

Das Erinnern ist mühsam. Wie eine Schnecke krieche ich auf meiner eigenen Schleimspur vorwärts und rutsche die wenigen Zentimeter, die ich nach vorne gekrochen bin, wieder zurück und krieche weiter.

 

© Alkyon Buchverlag Irmgard Keil

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