Freie Presse - Mittweidaer Zeitung vom 22.3.2001

"Gott, welche Rückerinnerung"
ruft Lehmann da wach

Tagebücher des Hainichener Tuchmacherfabrikanten zeigen Gellertstadt vor 170 Jahren
- Sonja Voigt hat in alten Akten recherchiert

VON FALK BERNHARDT

Hainichen. »Hat es denn auch einer Nutzen, dass ich soviel Zeit und Mühe auf dieses Tagebuch verwende?" fragte sich am 2. Juli 1829 der Hainichener Tuchmacher Friedrich Gottlob Lehmann, nachdem er bereits drei Jahre lang Aufzeichnungen zu allen Begebenheiten in der Stadt und zu persönlichen Befindlichkeiten geführt hatte. Die Bedeutung seiner Tagebücher konnte er damals noch nicht absehen, heute sind sie für die Geschichtsforschung in Hainichen sehr wertvoll, da sie eine große Lücke, bedingt durch den großen Rathausbrand, in den amtlichen Unterlagen schließen.
Der  dritte  Band  der  Lehmann'schen Tagebücher ist inzwischen erschienen, Sonja Voigt aus Hainichen kennt nicht nur seine Aufzeichnungen, sie hat seit 1996, zunächst über eine ABM und später ehrenamtlich, über Lehmann und diese Zeit recherchiert. Am Dienstag stellte sie ihre Erkenntnisse im Tuchmacherhaus fast 30 interessierten Zuhörern vor. Den ersten Lehmann in Hainichen machte sie 1618 ausfindig, die heutige Brauhofstraße 8 wird als Geburtshaus angenommen. Das Tuchmacherhaus selbst hatte auch für Lehmann eine Bedeutung, erhielt er doch hier seinen Meisterbrief.
Amüsant für die Zuhörer waren besonders die Passagen der Tagebücher, die ungewollt Parallelen zur heutigen Zeit aufzeigen. So schimpfte Lehmann über den Amtsschimmel, denn sein Termin im Rathaus, der ihn zum Bürger von Hainichen machte, wurde damals um. ganze drei Stunden verschoben. ,,Beunruhigend ist, dass immer mehr Sachsen ihr Vaterland verlassen müssen", beschrieb er weiterhin die damals schon schwierige wirtschaftliche Situation und die Erkenntnis, dass es besser sei, von Hainichen wegzugehen. Immerhin ließe sich hier leichter Geld verdienen als in Mittweida oder Oederan. Auch ein in Mittweida getätigter (ungünstiger) Wollkauf, wurde durch gesprächige Mitbürger unbeabsichtigt zum Stadtgespräch - da hat sich bis heute nichts geändert, waren sich die Zuhörer einig. Der »Goldene Löwe", in dem Lehmann verkehrte, war leider damals bereits ein Verkaufslokal. Nur im Rathaus sind heute Glücksspiele und Saufgelage wohl nicht mehr so salonfähig.
 

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