Leseprobe aus "Lehmanns Tagebuch 1828-1830"
Freytags, d. 3ten April 29.  Jetzt haben wir die schönste Frühlingswitterung. Eine weibliche Person, die hier gestohlen hat, ist heute am Pranger ausgestellt gewesen; da dieses seit vielen Jahren nicht der Fall war, so erregte es großes Aufsehen, so daß eine große Menge Menschen auf dem Markte versammelt gewesen sind. - Gegen Abend ging ich eine halbe viertel Stunde spazieren und auf dem Rückwege begegnete mir auf dem Rahmberge unsere Viehmagd, die etwas ängstlich zu verbergen suchte; ich zwang sie mir es zu zeigen und erstaunte, daß sie einen Krug mit frischgemolkener Milch zu unserer Taglöhner Emmerichen tragen wollte; sie mußte auf der Stelle umkehren und morgen soll sie, da man mit Bestimmtheit annehmen kann, daß es schon oft geschehen seyn mag, abgelohnt werden. Und so auch Emmerich und dessen Frau; diese, als ein böses Weib nun schon längst bekannt, hat zwar wenig Arbeit bey uns, aber ich traue ihr zu,  daß sie ihren Mann, der beynahe Tag für Tag bey uns ist, zum Diebstahle nöthiget, ohngeachtet er eine ehrliche Haut ist. - Im Theater, wohin ich mit meiner Braut ging, waren alle Stühle besetzt, so daß ich anfangs nicht neben meiner Emma sitzen konnte; der versiegelte Bürgermeister hat zuviel Läppschereyen und Satire auf die Stadträthe, daß er mir nicht recht gefällt.  
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