Sächsisches Archivblatt Heft 1/2001
Mitteilungen der Sächsischen Archivverwaltung
hrsg. vom Sächsischen Staatsministerium des Innern

,,Hat es denn auch Nutzen, daß ich soviel Zeit und Mühe auf dieses Tagebuch verwende? (...) Und ists nicht lächerlich, wenn nach meinem Tode oder noch früher das viele dumme Zeug von andern gelesen wird? - Und ists denn zweckmäßig, wenn diejenigen, in deren Hände es kommt, von all meinen unüberlegten und thörichten Denk und Handlungen unterrichtet werden?
Mit diesen Sätzen äußert der 23jährige Flanellfabrikant Fried-rich Gottlob Lehmann aus Hainichen  Zweifel,  die  Tagebuchschreiber typischerweise befallen. Solche Zweifel führen oft dazu, dass ein Tagebuch nur zeitweiliger Gesprächspartner und Gedankenaufbewahrer im Leben eines Menschen ist. Nicht selten werden Tagebücher in den aufregenden Jahren der Pubertät begonnen und dann beiseite gelegt, wenn die Zeit des Erwachsenseins beginnt, wenn die Zeit des Übergangs und der Unsicherheit vorbei zu sein scheint.
Dies trifft auch für Friedrich Gottlob Lehmann zu, dessen Tagebuch kurz nach seiner Hochzeit mit der Apothekerstochter Emma Böhme abbricht. Von September 1826 bis April 1830 weist es jedoch eine Fülle von Einträgen auf, die ein interessantes Kapitel sächsischer Alltags-, Mentalitäts-, Kultur- und auch Wirtschaftsgeschichte deutlich machen. Da werden bis in alle Einzelheiten geschildert: Krankheiten, Tanz-Vergnügungen, Schlittenpartien, Kirchbesuche (mit kurzen Reflexionen über die gehaltenen Predigten), das Verhalten der Eltern und des Hauspersonals, der Ausfall der Ernten, harte Winter, das Treiben der jungen Leute in Hainichen und Umgebung, vor allem aber die große Liebe Lehmanns zu Emma.
Mentalitätsgeschichtlich aufschlussreich ist das gespannte Verhältnis des jungen Flanellfabrikanten zu seinen Eltern, das aus diametralen Ansichten über den Stellenwert von Liebe, Ehe, Gelderwerb, Kultur und Kunst, Pflicht und Genuss im Leben resultiert. Der junge Handwerksmeister, der, was wohl nicht häufig vorkam, Gellert und Schiller las und sich auf seinen Messebesuchen in Leipzig mit Büchern versah, litt unter dem ,,Bücherhass" seiner Eltern und musste den Vorwurf ertragen, ein richtiger Geschäftsmann lese keine Bücher. Ein weiterer Konflikt ergab sich aus der von Lehmann angestrebten ,,Liebesheirat", da Emma seinen Eltern einerseits nicht reich genug erschien, während sie die junge Frau für die Führung der teils gewerblichen, teils agrarischen Wirtschaft andererseits für körperlich nicht robust genug ansahen.
Für den Wirtschaftshistoriker sehr wertvoll sind die Angaben Lehmanns über die Tuch- und Flanellfertigung in Hainichen, über die schwierige Lage des Textilgewerbes, über den Tuch- und Flanellabsatz auf den Leipziger Messen und über die fortschreitende Mechanisierung der Textilspinnerei. Lehmann war ein kleiner Flanellfabrikant, der mehrere Tuchmacher verlegte und seine Waren hauptsächlich  auf den Leipziger Messen, später auch in Hamburg und den Niederlanden absetzte.  Infolge geringer geschäftlicher Erfahrung (er hatte nach Absolvierung seiner Wanderjahre sein Geschäft erst im Jahr 1826 begonnen) und wegen der überlegenen Konkurrenz größerer Betriebe, die Spinnereiabteilungen unterhielten, erwiesen sich die Jahre bis 1830 geschäftlich als bittere, verlustreiche Lektion. Die Tuchpreise auf den Leipziger Messen waren so niedrig, dass Lehmann oft nur unter dem Herstellungspreis verkaufen konnte. Die sich daraus ergebenden Defizite des Geschäfts mussten durch Zuschüsse des Vaters ausgeglichen  werden,  zumal Lehmann davor zurückschreckte, die von ihm verlegten Tuchmacher ,,auszuhungern". Lediglich die großen Tuchfabriken-Spinnereien  konnten  bei  den niedrigen  Preisen Ende der 1820er Jahre noch profitabel wirtschaften. Nachdem der junge Lehmann das erkannt hatte, rang er sich im Frühjahr 1830 zu dem Entschluss  durch, selbst  eine Spinnerei anzulegen,  um  der wirtschaftlichen Misere zu entgehen. Leider bricht das Tagebuch gerade an dieser Stelle ab.
Fast ebenso spannend wie Lehmanns Lebensbericht ist die Überlieferungsgeschichte seines Tagebuchs. Das lange in Familienbesitz befindliche Original ging in den Wirren des Zweiten Weltkrieges verloren. Glücklicherweise war es im Jahr 1932 von einem Patienten in Leipzig-Dösen im Auftrag eines heimatgeschichtlich interessierten Pfarrers abgeschrieben worden. Im Moritzburger Haus des Pfarrers verblieb die handschriftliche Kopie bis 1990. Über mehrere Umwege erfuhr der Herausgeber, Eberhard Keil, von ihrer Existenz, als er über die Gärtnerei seines Großvaters forschte, die aus einem Teil der Konkursmasse der Lehmannschen Fabrik entstanden war.
Herausgeber und Verlag sind großer Dank dafür abzustatten, dass sie das Tagebuch veröffentlicht und eine reiche Quelle sächsischer Alltags-, Kultur- und Wirtschaftsgeschichte der 1820er Jahre zum Sprudeln gebracht haben. Aus archivarischer Sicht ist freilich an der Edition einiges zu bemängeln: Die Editionsprinzipien werden nicht ausreichend klargelegt, es fehlt ein kritischer Apparat mit Anmerkungen usw., es fehlen Literaturangaben, es fehlen Register bzw. Index. Auch haben sich einige Abschreibfehler in den Text eingeschlichen, wie falsche Bezeichnungen für die Firmen Bucher & Lohrmann in Freiberg (Bd. 1, S.146) oder Frege & Co. in Leipzig (Bd. 2, S. 128). Zudem wären einige Anmerkungen des Herausgebers zu berichtigen, wie die fehlerhafte Erläuterung einer Prima Tratte (Bd. 2, S. 231).
Gegenüber dem Verdienst, das Tagebuch in der zweibändigen Ausgabe einer historisch interessierten Öffentlichkeit zugänglich gemacht zu haben, wiegen diese Bedenken aber wohl nicht allzu schwer und könnten eventuell in einer zweiten  Ausgabe leicht beseitigt werden.

Dr. Jörg Ludwig
Staatsministerium des Innern

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