Leseproben aus
      Werner Heil: Der stille Ruf des Horusfalken

Die postmoderne „Konstruktion“ der Vergangenheit

Hat Gadamers Hermeneutik die Möglichkeit einer objektiven Erkenntnis der Vergangenheit aufgelöst, so löst die Postmoderne die Vergangenheit selbst auf, indem sie der Analyse des interpretierenden Bewusstsein noch ein wesentliches Element hinzufügt: Nicht nur das Verstehen ist ein Konstrukt, sondern auch die empirischen Inhalte unseres Bewusstseins. 

 „Der in der Geschichtswissenschaft traditionell gemachte Unterschied zwischen der objektiven Wiedergabe der Fakten und ihrer subjektiven Interpretation beruht also auf einem erkenntnistheoretischen Missverständnis: Zwischen Registrierung und Interpretation gibt es nämlich keine Grenze, ein jeder, der wahrnimmt und registriert, interpretiert zugleich auch. ... Wenn die Beispiele nicht täuschen, lautet die Folgerung zwangsläufig, dass die Beobachtung und damit die Tatsachenerkenntnis der Wirklichkeit interpretativen Charakter hat. Diese Auffassung des Verhältnisses von Faktum, Interpretation und Wirklichkeit kann als »wissenschaftlicher Realismus« gekennzeichnet werden.“ 12

Die Geschichtstheorie übernimmt hier Einsichten der Erkenntnistheorie. Sie muss sich auf dieses, die Disziplinen übergreifende Feld begeben, wenn sie ihre Erkenntnisgrundlagen klären will. Dass Fakten „interpretativen Charakter“ haben bzw. theoriegeleitet sind, ist nichts Neues. 
Die Erkenntnistheorie des 19. Jahrhunderts hat diese Einsicht bereits zutage gefördert, die Sprachphilosophie hat sie aufgenommen und der Konstruktivismus unserer Tage verhilft ihr zu neuem Ansehen. 

„Der Konstruktivismus ist zunächst einmal eine Erkenntnistheorie, die die Erkenntnisse verschiedener wissenschaftlicher Disziplinen wie Hirnforschung, Neurobiologie, Kognitionspsychologie, Linguistik und Informatik miteinander verbindet. Die Grundlage der Theorie ist die Tatsache, dass das menschliche 
Gehirn als relativ geschlossenes und sich selbst organisierendes (autopoetisches) informationsverarbeitendes System zum aller- größten Teil seiner Aktivitäten mit sich selbst beschäftigt ist und nur zu einem geringen Teil mit der Verarbeitung von Informationen oder Reizen aus der Außenwelt. Diese Informationen der Außenwelt wie z.B. Töne oder visuelle Eindrücke bieten, durch die Sinnesorgane aufgenommen, dem Gehirn keine Informationen darüber, wie die Dinge der Welt sind, sondern dienen nur 
als Rohmaterial, das vom Gehirn erst interpretiert und verstanden wird. Wir hören eine Musik nicht mit unseren Ohren, sondern unsere Ohren nehmen Schallwellen wahr, setzten sie in einfache elektrische Impulse um und leiten sie an das Gehirn weiter, das aus diesen Impulsen erst die Musik werden lässt. Der Musikeindruck wird also erst im Gehirn erzeugt und nicht von den Sinnesorganen aufgenommen. Die wesentliche Leistung des Gehirns besteht also darin, die von den Sinnesorganen übertragenen Impulse aus der Außenwelt permanent zu interpretieren. Dabei schafft es sich seine Konstruktion davon, wie denn die 
Welt sei, ohne zu wissen, wie sie wirklich ist. Was wir wahrnehmen, sind immer nur unsere Erfahrungen von den Dingen, nicht die Dinge selber. Etwas verstehen heißt in diesem Sinne, eine Interpretation aufzubauen, die funktioniert und schlüssig zu sein scheint. Diese strukturierende Arbeit des Gehirns hat den 
Zweck, dem Individuum das Überleben in seiner Umgebung zu ermöglichen.“13

Ernst von Glasersfeld beschreibt die Grundprinzipien des Konstruktivismus so:

1. „(a) Wissen wird nicht passiv aufgenommen, weder durch die Sinnesorgane noch durch Kommunikation.
 (b) Wissen wird vom denkenden Subjekt aktiv aufgebaut.
2. (a) Die Funktion der Kognition ist adaptiver Art, und zwar im biologischen Sinne des Wortes, und zielt auf Passung oder Viabilität;
(b) Kognition dient der Organisation der Erfahrungswelt des Subjekts und nicht der »Erkenntnis« einer objektiven ontologischen Realität.“14

Wie ergeht es unserem mittelalterlichen Chronisten nach diesen Erkenntnisvoraussetzungen? Das Bild von ihm ist unsere subjektive Konstruktion, die entsprechend einer biologischen Notwendigkeit zu unserer Erfahrungswelt aufgebaut wird. Über den mittelalterlichen Chronisten sagt sie nichts. Damit wird ihm seine Wirklichkeit zurückgegeben und ihm eine eigene Weltkonstruktion zugestanden. Die himmlischen Verhandlungen waren für ihn biologisch notwendig, um ihm sein Überleben zu sichern. Damit gewinnt der Chronist ein deutlich besseres Dasein: Er darf so bleiben, wie er ist. Allerdings können wir von ihm nichts wissen, denn er verschwindet hinter dem Dunkel einer prinzipiellen Unerkennbarkeit. Auch verlieren seine himmlischen Verhandlungen ihren Wahrheits- und Wirklichkeitsgehalt: Sie sind lediglich seine Konstrukte, deren wahren Charakter er nicht durchschaut hat. So bleibt ein Rest von Unwissenheit zwar bestehen, aber die konstruierte Wirklichkeit wird nicht angetastet.
Dem Konstruktivismus gebührt das hohe Verdienst, nicht nur auf kognitive Inhalte, sondern auf Realprozesse im Erkenntnisakt das Augenmerk zu richten: Nicht nur Erkenntnis, sondern auch Wirklichkeit wird konstruiert. Damit ist die letzte und tiefste Schicht des interpretierenden Bewusstseins erschlossen. Die erste Ebene des interpretierenden Bewusstseins betraf das Zusammenspiel der begrifflichen Inhalte, die zweite die Tätigkeit und Wirklichkeit des Interpretierenden, die dritte die Wirklichkeit der Wirklichkeit selbst. Eine weitere Vertiefung ist nicht möglich. 
Für diese Vertiefung muss der Konstruktivismus allerdings einen hohen Preis bezahlen: den Preis des Verlusts von Erkenntnis und des Wahrheitsgehaltes der Wirklichkeit. Dagegen rebelliert ein vorerst unbestimmtes Wahrheits- und Wirklichkeitsgefühl und fragt, ob der Konstruktivismus diese letzte Tiefenschicht des interpretierenden Bewusstseins angemessen erschlossen hat. 
Der Konstruktivismus analysiert den Erkenntnisakt primär nicht als solchen, sondern untersucht seine biologische Grundlage: das Gehirn. Aufgrund dieser Untersuchung zieht er Rückschlüsse auf den Erkenntnisakt selbst. Dabei vermengt er die Analyse des Erkenntnisaktes mit biologischenTheorien, wodurch eine weitere Analyse verhindert wird. 
Der Konstruktivismus nimmt an, dass wir von der Welt nichts wissen, weil wir über die Sinnesorgane nur Reize der Außenwelt empfangen, die erst durch unser Gehirn zu einer Wirklichkeit aus Tönen und Farben aufgebaut werden; ferner erklärt er, dass eine solche Konstruktion deshalb stattfindet, um in einer bestimmten Umgebung zu überleben (Passung, Viabilität). 
Tatsächlich aber ertönt in keiner Partie des Gehirns etwas oder erscheint ein visuelles Bild. An jeder Stelle finden sich nur rein physiologische Vorgänge, die immer und 
überall nur ihre quantitative elektromagnetische Einheitssprache sprechen. Die Behauptung, dass das Gehirn Reize zu Tönen oder Wahrnehmungen verarbeite, ist rein spekulativer Natur. Man kann nur sagen, dass gewisse Gehirnpartien mit der Wahrnehmung von Tönen und Farben in Zusammenhang stehen, nicht aber, dass sie die Wahrnehmungen erzeugen. Die berühmte Elektrode, die ins Gehirn eingeführt wird und nicht vorhandene Ton- und Seherlebnisse vermittelt, widerlegt diesen Satz nicht, sondern bestätigt ihn geradezu, denn diese Ton- und Seheindrücke erscheinen nicht im Gehirn, sondern in einem wie auch immer gearteten Bewusstseinstableau. Aber sie stehen zweifelsfrei mit bestimmten Hirnregionen im Zusammenhang. Wahrnehmungen sind originärer Natur und können nicht aus physiologischen Prozessen abgeleitet werden. Dasselbe gilt auch für Gedanken. Ich möchte es ganz krass formulieren, um diesem biologistischen Vorurteil des 19. Jahrhunderts unmissverständlich den Boden zu entziehen: Das Gehirn denkt nicht, sondern ist die biologische Grundlage des Denkens. Wer diesen Satz nicht versteht, hat den Gegenstand der Philosophie und Erkenntnistheorie nicht im Auge. 
Rein spekulativ ist auch die Annahme, dass das Gehirn eine Wirklichkeit aufbaut: Im Gegenteil ist das Gehirn selbst Teil der Wirklichkeit. Folglich auch Teil der angenommenen Konstruktion. Betrachtet man die Konstruktion als Fiktion, dann konstruiert die Fiktion des Gehirns die Fiktion der Wirklichkeit. Die angenommene Fiktionalität der Konstruktion führt sich selbst ad absurdum. Das, was im Erkenntnisakt konstruiert wird, kann nur Wirklichkeit sein; Konstruktion und Wirklichkeit schließen sich also nicht von vornherein aus.
Um nun die Notwendigkeit der Konstruktion selbst zu erklären, greift der Konstruktivismus zu einer Theorie: Der Grund der Konstruktion sei eine biologische Notwendigkeit. Hier wird Darwins Evolutionstheorie unvermittelt in den Prozess der Konstruktion von Erkenntnis eingebaut und damit einer weiteren Analyse der Blick verstellt. Der biologistische Ansatz des Konstruktivismus verhindert eine empirische Analyse des Erkenntnisaktes.15
Eine solche Analyse aber ist notwendig, um den Erkenntnisakt und seine Bedeutung zu verstehen. Erst danach kann ein Zusammenhang mit den Untersuchungsergebnissen der biologischen Grundlagen der Erkenntnis hergestellt werden. (S.21ff.)

[...]

b.    Zwei Gebete an den Sonnengott:

Du bist in meinem Herzen,
Kein anderer ist der dich kennt,
Außer deinem Sohne Echnaton.
Du hast ihn eingeweiht in deine Pläne
Und in deine Kraft.

Seit Du die Erde gründetest,
Hast du aufgerichtet für deinen Sohn,
Der aus dir selbst hervorging,
Den König, der von der Wahrheit lebt,
Den Herren der beiden Länder, Nefer-Chepern-Re, Ua-en Re,
Der Sohn des Re, der von der Wahrheit lebt,
Den Herrn der Kronen, Echnaton, dessen Leben lang ist;
Und für die große königliche Gemahlin, die von ihm geliebte,
Die Herrin der beiden Länder, Nefer-nefru-Aton,
Die lebt und blüht für immer und ewig.

Diese beiden Gebete sind gerade für unsere Betrachtung besonders interessant. Hier wird keine Herrschaftslegitimation betrieben, sondern der Pharao beschreibt ganz intime Prozesse in seinem Innern. Er lokalisiert den Sonnengott in seinem Herzen und weiß, dass nur er allein ihn kennt. Er beschreibt sich als Sohn der Gottheit und sagt, dass er von der Wahrheit lebt. Er spricht vom Leben, der Liebe und der Ewigkeit22
Die Begegnung mit der Gottheit wird als ein Innenerlebnis dargestellt – also in einer Weise, die zu unserer Rohform des theokratischen Menschen nicht passt. Auch benutzt der Pharao Begriffe wie Wahrheit, Leben, Liebe und Ewigkeit, die schon eine gewisse Abstraktion voraussetzen, aber noch nicht abstrakt sind. Die Wahrheit, „von der er lebt“, ist ein Realum, kein abstrakter Begriff. 
Dieser Pharao erfüllt die Merkmale unseres „homo philosophicus religiosus“. Haben wir diese Rohform richtig konzipiert, dürfte dieser Pharao nicht mehr von Göttern, sondern nur noch von Gott im Singular sprechen. Genau das tut der historische Echnaton: Er will den Sonnengott zum einzigen Gott machen und eine Art Monotheismus einführen. Unsere Betrachtung macht also verständlich, warum sich Echnaton so ungewöhnlich verhält und warum er damit bei seiner Mitwelt Anstoß erregen muss: Er entwickelte eine Bewusstseinsstruktur, die seiner Zeit voraus war und die sich von der seiner Zeitgenossen unterschied. Sie konnten ihn daher nicht verstehen und machten folgerichtig seine Neuerungen nach seinem Tod wieder rückgängig.
Die Gebete machen noch ein weiteres verständlich: Die Tatsache, dass sich ein Herrscher zum Sohn eines Gottes erklärt. Das moderne Bewusstsein kann diesen Sachverhalt nur politisch-funktional als Herrschaftslegitimation erklären. Dabei stellt sich allerdings die Frage, warum ganze Völker und Zeitalter dies zwei Jahrtausende lang hingenommen haben, ohne dagegen entscheidend zu revoltieren. Für unsere Betrachtung stellt sich dieser Sachverhalt ganz anders dar: Der Herrscher fühlte sich zwei Tausend Jahre lang zurecht als Sohn einer Gottheit, denn er erlebte in seinem Denken nicht sich, sondern das Absolutum, das ihm konkret und folglich als bestimmte Gottheit erschien. Und da dies seiner Mitwelt nicht anders erging, bestand kein Grund, dagegen zu rebellieren.
Die Ilias beschreibt ein ähnliches Erleben detailliert. (S.51ff.)
----------------------------------- 
12 Chris Lorenz: Konstruktion der Vergangenheit. Köln 1997, S.32f.
13  Frank Thissen: Was ist Konstruktivismus? Internet: www.frank-thissen.de
14 Ernst von Glasersfeld: Radikaler Konstruktivismus. Frankfurt2 1998, S.96
15  Diesen Fehler, die Konstruktion der Erkenntnis durch eine Theorie zu erklären anstatt sie empirisch zu analysieren, teilt der Konstruktivismus mit anderen philosophischen Richtungen: Einer der geistigen Ahnherren des Konstruktivismus – Friedrich Nietzsche – erklärt die Konstruktion der Erkenntnis ebenfalls biologisch; Gadamer benötigt hierzu die Geschichte; die Frankfurter Schule den gesellschaftlichen Diskurs mit seinen erkenntnisleitenden Interessen; die Sprachphilosophen die Sprache. Allen gemeinsam ist, dass sie durch eine theoretische Erklärung der Erkenntnis- und Wirklichkeitskonstruktion den Verlust der Kategorie der Objektivität und der Wirklichkeit herbeiführen. Sie stehen im Widerspruch zum realen Leben, das einen Objektivitätsbegriff und eine Wirklichkeitsempfindung wie selbstverständlich voraussetzt, und öffnen der Subjektivität Tür und Tor, die zwar durch alle möglichen theoretischen Konstrukte kaschiert werden soll, aber nicht wirklich beseitigt wird.
22   Selbstverständlich muss ich mich hier auf eine zutreffende Übersetzung verlassen, da ich die Originalbegriffe nicht zu beurteilen vermag. Die innere Logik der Sache macht aber die Übersetzung glaubhaft.
 
 
 
 
 
 

Zurück