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für den Geschichts- und Gemeinschaftskundelehrer
Heft 61/2001 Wochenschau Verlag, Schwalbach Ts.

Gymnasium
Baden-Württemberg 3/2001
Zeitschrift des Philologen-Verbandes
 

Als der Rezensent die Schrift von Werner Heil, Der stille Ruf des Horusfalken - Ist die Geschichtswissenschaft unhistorisch? (Marbach 1999) zu lesen begann, wurde er unmittelbar an einen Kurs mit Geschichtslehrern der ehemaligen DDR - kurz nach der Wende - erinnert. Er hatte das Thema gestellt: Ist der Marxismus per definitionem geschichtsverfälschend ? Wenn sich das Bewusstsein aus seiner sozioökonomisehen Umgebung nicht lösen kann und somit primär eine Funktion des gesellschaftlichen Seins bleibt, muss es ihm verwehrt sein, andere, ihm fremde Seinsformen erfassen zu können, Folglich bleiben diesem Bewusstsein Geschichte und andersartige Kulturen verschlossen - schlimmer noch: Wo es Phänomene zu verstehen meint, projiziert es nur seine eigenen Seins- und Bewusstseinsinhalte, und das ist Geschichtsfälschung. Wer eine fundierte Auseinandersetzung mit grundsätzlichen Fragen sucht - Wie gelangen wir zu historischen Einsichten? Welche Bewusstseinakte finden prinzipiell statt, bis wir etwas als ‚wirklich’ erfassen? -, dem sei die Studie von Werner Heil dringend empfohlen,

Den Auftakt bildet konkrete mittelalterliche Chronik. Gegenwärtige Darstellungen verfallen einem Irrtum, indem sie die Inhalte, die unserem tagtäglichen Realitätsverständnis plausibel erscheinen, wiedergeben, aber das, was als abwegig oder irrelevant gilt, nicht erwähnen oder als unwesentlich einstufen. Ist das dann Geschichte? Um diesem Fehler zu entgehen, führt Werner Heil den Leser in die Debatte der Hermeneutik und des Konstruktivismus. Er macht in erkenntnistheoretisch sehr klarer Weise nachvollziehbar, dass der Erkenntnisprozess nicht nur zu intellektuellen Einsichten führt, sondern dass wir, nicht immer bewusst, Wirklichkeit konstruieren, also ontologisch vorgehen. Er befreit - wenn man das so bezeichnen kann - den Erkenntnisakt von wesensfremden Determinanten (Biologismen, Relativismen), um die Bewusstseinstruktur darzulegen, von der eben die Wirklichkeitskonstruktion abhängt. In der Auseinandersetzung mit Geschichte sind zwei Pole konstitutiv: Die Bewusstseinstruktur des Historikers und die Bewusstseinsstruktur der in der Vergangenheit lebenden Menschen. Letztere hat sich in historischen Quellen, Monumenten usw. objektiviert. Mit ihnen setzt sich das gegenwärtige Bewusstsein auseinander, nimmt sie zu Kenntnis, erfasst sie und bildet die Wirklichkeit der vergangenen Epoche. An historischen Beispielen vom ägyptischen Totenbuch bis zu politischen Reden des Dritten Reiches exemplifiziert Werner Heil diesen spannenden Prozess, der sehr anregende Aspekte zur Wissenschaftlichkeit, zur historischen Periodisierung, zu Kausalitätstragen usw. zeitigt.

Wie verträgt sich damit das Schulbuch? Als umfassende Quellensammlung gut, nicht aber, wenn es den Prozess, historische Wirklichkeit zu bilden, einschränkt.

Wegen seiner Gründlichkeit ist Werner Heils Buch nicht nur für das Fach Geschichte von Bedeutung, aber es würde den Rahmen dieser Rezension sprengen, z.B. an der Astronomie diesen Ansatz zu verifizieren. Und die pädagogische Relevanz ? Sie ist für den Rezensenten sehr hoch anzusetzen: in einer der Virtualität immer zugänglicheren Kultur den Sinn für Lebenswirklichkeit zu entwickeln und den Unterschied zwischen Wirklichkeitskonstruktion und Virtualitätskonstruktion bewusst zu machen.

Dr. Albrecht Hüttig, 72770 Reutlingen

Herr Dr. Hüttig ist Lehrer an einer Waldorfschule, in der Lehrerfortbildung und im Vorstand des Vereins der deutschen Waldorfschulen tätig.

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