"Freie Presse / Mittweidaer Zeitung" 13. 02. 2001

Träume und Niederlagen: Wie eine Fabrik zu Zeiten der Industrialisierung wächst

Geschichte eines Hainicheners: Dritter Band der Lehmann'schen Tagebücher erschienen - Mehr als eine persönliche Auseinandersetzung des Tuchmachers mit seiner Zeit

Hainichen. Vom Leben und Lieben in der Gellertstadt zu den schwierigen Zeiten der Industrialisierung erzählen die bewegenden Tagebücher des Tuchmachers Friedrich Gottlob Lehmann. Die ersten beiden Diarien vor zwei Jahren im Marbacher Irmgard-Keil-Verlag erschienen, haben viele Hainichener begeistert. Jetzt erscheint innerhalb der historischen
Reihe nun der dritte Band. Der Titel ,,Lehmanns Dorf  1830 bis 1869" lässt schon ahnen, dass es diesmal um mehr geht als die persönliche Auseinandersetzung eines Tuchmachers mit seiner Zeit. Das 152 Seiten umfassende Büchlein ist zwar als eine Fonsetzung der Lehmann'schen Aufzeichnungen gedacht, dokumentiert wird die Entwicklung allerdings nicht mehr von ihm selbst, sondern von Herausgeber Eberhard Keil.
In zehn Kapiteln beschreibt er die Entwicklung eines Mannes in seiner Vaterstadt, seinen Aufbruch zu indu-strieller Gründertätigkeit. In Böhrigen nämlich baut Lehmann ein eigenes Unternehmen auf, engagiert sich zudem in der Kommunalpolitik. Anhand der bewegten Biografie Friedrich Gottlob Lehmanns und der aufgeblätterten Geschichte des Dorfes wird der Alltag in einem vom Frühkapitalismus beherrschten Deutschland wieder greifbar. Wie sich das Königreich Sachsen entwickelt, das erlebt der Leser in der Stube der Familie Lehmann, auf dem Dorfplatz in Böhrigen mit. Der Vormärz ergreift von der Region Besitz, die Industrielle Revolution zieht ihre Kreise - die zu Grunde liegenden Tagebücher erweisen sich einmal mehr als wichtige kulturhistorische Quelle. In den beiden vorangegangenen Bänden berichtet der 1805 geborene Lehmann von der scheinbar ausweglosen Situation, in der sich die Vertreter seiner Zunft befinden: Die ersten Zollvereine fordern Geld. Mit ihrer technischen Ausstattung können die Hainichener Tuchmacher kaum noch mithalten mit der rasanten industriellen Entwicklung. Die sozial und wirtschaftlich gleichermaßen angespannten Jahre 1826 bis 1830, in denen der junge Hainichener sein Tagebuch führt, sind geprägt von der Suche nach Lösungen, nach Auswegen aus einer (nicht nur für ihn) verfahrenen Situation. Seite für Seite vollzieht der Leser Lehmanns Motive nach, eine »Maschinerie am Wasser" zu konstruieren, lernt die Träume kennen und erlebt auch die bitteren Niederlagen mit. Quasi nebenbei spaziert er in Gedanken durch die Gellertstadt, die geschichtsträchtige Brauhofstraße entlang.
Der jetzt vorgelegte Band soll der Auftakt einer Reihe zur Industriegeschichte in dörflichen Regionen darstellen. Das nächste Buch, das nach Aussage des Verlags 2003 erscheinen soll, beschäftigt sich mit den Fabriken Lehmanns, ihrer Integration in den Lebensalltag eines kleinen Ortes sowie dem Schicksal seiner Nachkommen im Kaiserreich. (uka)

Döbelner Anzeiger 24.2.2001:

Lehmanns Wirken lebendig gemacht
Böhrigener Unternehmer mit vielfältigen Bezügen zu Roßwein

ROSSWEIN/TIEFENBACH
Jetzt im Februar erschien ein Buch, das bei den hiesigen Heimatfreunden und Liebhabern der Geschichte der Region auf großes Interesse stoßen dürfte: ,,Lehmanns Dorf, 1830 bis 1869" Es ist die Chronik, die der Hainichener Tuchmacher Friedrich Gottlob Lehmann (1805 bis 1869) während seiner ersten Berufsjahre führte. Er hat zwischen 1826 und 1830 darin sehr sorgfältig sein Leben, Lieben und Arbeiten dokumentiert.
In zehn Kapitel beschreibt Eberhard Keil die letzten Jahre Lehmanns in seiner Vaterstadt und den Aufbruch zu industrieller Gründertätigkeit in Böhrigen, die Entwicklung des Unternehmens und des Dorfes sowie Lehmanns Engagement in der Politik bis zu seinem Tode.
Dabei gibt es zahlreiche Bezüge zu Roßwein, denn die älteste Lehmann-Tochter war mit dem langjährigen Roßweiner Bürgermeister Herrmann verheiratet. Und dieser saß regelmäßig am Sonntagstisch der Lehmanns. Auch andere bekannte und bedeutende Roßweiner Persönlichkeiten des 19. Jahrhunderts, wie der soziale Pfarrer Böhmert, sein Sohn Victor, der Arzt Dr. Funke und andere werden im Buch vorgestellt, wozu der Roßweiner Heimatfreund Günther Hanisch wesentlich  beigetragen  hat. Selbst die Wolfstaler Kamelie findet Erwähnung und Unterstützung.
Eine wichtige Vertrauensperson Lehmanns war der Etzdorfer Pfarrer Carl Peschel, zu dessen Zeit die Etzdorfer  Kirche neu gebaut wurde.
Auch der politische Kontext ist interessant, schließlich greift der Vormärz auch von Sachsen Besitz, die industrielle Revolution ist auf dem Vormarsch.
Das Buch stellt den Auftakt einer Industriegeschichte in dörflicher Begrenzung dar. Der nächste Band wird voraussichtlich 2002 erscheinen und sich mit den Dorf und seinen Fabriken sowie Lehmanns Nachkommen im Kaiserreich beschäftigten.
Bisher  sind  erschienen: Lehmann, F.G,: " Lehmanns Tagebuch  1826 bis  1828" (ISBN  3-934I36-00-1)  und Lehmann,F.G.:   Lehmanns Tagebuch  1828 bis 1830 (ISBN 3-934136-01-X], zum Preis von je 24,80 Mark. Der herausgebende  Buchverlag Irmgard Keil ist über Telefon/Fax 07144-4158 zu erreichen               rd
 

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