"Freie Presse / Zschopauer Zeitung" 17.05.2002

Sehr persönliches Dokument

"Entführung 1934" - Ein Sohn reißt den Vorhang der Geschichte auf

Von BABETTE ZAUMSEIL

Wilischthal. Ein Geschäftsmann wird entführt und aus dem Erzgebirge nach Berlin verschleppt. Die Kidnapper fordern Geld und misshandeln derweil ihr Opfer. Am Ende steht die Befreiung des Entführten - alles wird wieder gut. Oder auch nicht. Denn der Mann auf dem Nachhauseweg, den zunächst Unbekannte im idyllischen Wilischthal in ein fremdes Auto zerren, ist Jude. Und:
Wir schreiben das Jahr 1934. Die Entführer des Otto Schlesinger tragen SA-Hemden und handeln im Glauben, eine starke Organisation hinter sich zu wissen - darin werden sie letztlich auch nicht enttäuscht.
Nachzulesen ist dieser Fall sowohl in englischer als auch deutscher Sprache in dem Buch "Entführung 1934 - Kidnap the Jew" von Kenneth Frank Sheridan. Der Autor wurde als Otto Schlesingers Sohn Kurt unmittelbar vor dem Ersten Weltkrieg geboren. Sein Vater, das Entführungsopfer, war später einer der Direktoren der Marschel Frank Sachs AG (Mafrasa), eines der größten europäischen Trikotageunternehmen.
Die Entführer des Otto Schlesinger wurden zwar zu jahrelangen Haftstrafen verurteilt - nicht zuletzt dank der kriminalistischen Vorarbeit des Gründers der Mordinspektion, Ernst Gennat -, doch schon nach drei Monaten freigelassen. Und der Mann, der die Entführung überlebte, zerbrach dennoch an ihr: Im Exil in Rio de Janeiro starb er, gerade einmal 56 Jahre alt, in einer Heilanstalt, wie sein Sohn schreibt
Kenneth Sheridan reißt für den Leser den Vorhang der Geschichte auf und nimmt ihn mit in den Strudel der Geschehnisse. Schritt für Schritt beschreibt Qtto Schlesingers Sohn die Entführung, immer auf engster Tuchfühlung zum Geschehen. Diese Nähe zu dem, was passiert, schimmert durch die berichtenden Zeilen, macht sie zu einem sehr persönlichen Zeitdokument.
Für Sheridan wurde Großbritannien zur neuen Heimat. Als er bereits Enkel hatte, schrieb er über sein Leben in dem Buch "A life in the 20th century". 1977 entstand die Geschichte über die Entführung seines Vaters und wurde in die Autobiographie aufgenommen, berichtet Eberhard Keil vom Buchverlag. Keil wiederum war auf der Suche nach Zeitzeugen für die Geschichte des Böhrigener "Sachswerks" und der Mafrasa und stieß bei seinen Recherchen auf Sheridan. Das Resultat liegt nun in dem Bändchen auf englisch und deutsch vor.

"Marbacher Zeitung" 24.05.2002

Eine Kriminalgeschichte aus Nazideutschland

Marbacher Verleger Eberhard Keil veröffentlicht spannende Zeitgeschichte: "Entführung 1934 - Kidnap the Jew"

MARBACH. "Am 1. Februar 1934, einem Donnerstagabend, fuhr Otto Schlesinger wie immer seit 15 Jahren von seinem Geschäftsbüro nach Hause aufs Land. Er war von beleibter Statur, kurzsichtig und kahlköpfig. Ein wohlhabender deutscher Jude, der sein Geld im Textilunternehmen der Familie verdiente und in seiner Freizeit die angenehmen Seiten des Lebens mit Hingabe genießen konnte..." Doch na jenem Winterabend sollte Otto Schlesinger nicht bei seinen Lieben ankommen. Auf der einsamen Landstraße im Erzgebirge wurde der Fabrikant plötzlich von vier jungen Männern in einem großen neuen Horch gestoppt. Sie verschleppten ihn nach Berlin in das Quartier eines SA-Sturmtrupps, und dem Entführungsopfer wurde bald klar, dass er "Braunhemden" in die Hände gefallen war, die knapp bei Kasse waren.
Spannend wie ein Krimi aus der Frühzeit des Nazi-Regimes liest sich das schmale Büchlein mit dem Titel "Entführung 1934 - Kidnap the Jew". Und könnte doch nicht authentischer sein, denn der Autor schildert als Zeitzeuge die Entführung seines Vaters. Der Marbacher Eberhard Keil geriet per Zufall an diese Momentaufnahme aus der Entstehungszeit des totalitären Regimes und erklärt: "Ich war gleich elektrisiert." Nachdem die Rechte am Abdruck gesichert waren, veröffentlichte er sie im BIK-Buchverlag Irmgard Keil als fünften Band in der Historischen Reihe.
 
 
 
 
 

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