Leseprobe aus "Lehmanns Erben 1869-1914"

 

 

Nachdem am 1. Juni 1872 die Bauunterlagen zur Genehmigung eingereicht worden waren, ging man sofort daran, das zum Bau der Bahn erforderliche Land zu festgelegten Entschädigungssätzen zu erwerben. Für die Flur Böhrigen war der 29. August 1872 „Enteignungstermin“, an welchem die betroffenen Grundstücksbesitzer – hier vor allem Gustav Leonhardt, Traugott Sommer, Clemens Caspari und die Gebrüder Lehmann - die beanspruchten Flächen an die Eisenbahngesellschaft überweisen mussten. Leonhardt erhob „Einspruch gegen die Linienführung längs seiner Fabrikgebäude. Er verlangte zur Durchführung seines behördlich bereits genehmigten Bebauungsplanes eine Verdrückung der Linie um 25 Meter und die Anlage von Ufermauern beiderseits der zu verlegenden Striegis. Seinem Antrage mußte stattgegeben werden... Sofort nach Überweisung des beanspruchten Landes begann der Bauunternehmer der Eisenbahngesellschaft, Breutmann, unter Leitung des Oberingenieurs Jäger und einiger Streckeningenieure die Bauarbeiten im Sommer 1872.“

 

Während der Bauzeit wurde die Baustelle des späteren Bahnhofs „allabendlich der Treffpunkt vieler Einwohner. Führte zunächst die Begutachtung der täglichen Fortschritte des Baues die Besucher zusammen, so wurde die spätere Errichtung einer Kantine ein noch viel wichtigerer Grund des allabendlichen Zusammenkommens.“

 Zum gewöhnlichen Durst der Einheimischen kamen nun noch die ausgetrockneten Kehlen der vielen auswärtigen Eisenbahnbauarbeiter, und das „Wirtschaftsleben“ blühte auch in Gestalt von sechs florierenden Gastwirtschaften auf. Die „wahren Geschichten“, welche dabei entstanden, drehten sich nun nicht mehr um den „Mühlen-Traugott“, den „Mühlengaul“ und den „Mühlen-Wagen“, sondern um die Akteure der neuen Technik:

„Unter den Aufregungen des Bahnbaues für die Böhrigener verdient ein Ereignis erwähnt zu werden, das die Gemüter lange beschäftigt hat. In der Köhlerschen Wirtschaft (jetzt Ihlesches Grundstück), war unter den vielen fremden Arbeitern, die der Bau herangezogen hatte, Streit entstanden, und einer hatte einem anderen in der Hitze des Kampfes mit einer Schaufel die Nase glatt abgeschlagen. Dr. Schwarze aus Roßwein wurde geholt, die Nase wieder anzunähen, tat das auch nach allen Regeln der Kunst, aber mit schwarzem Zwirn.“

Planmäßig schritten die Bauarbeiten an der Strecke voran.

„Diese wurden in den festgesetzten zwei Jahren glatt und zufriedenstellend ausgeführt und so beendet, daß der Betrieb der Eisenbahn am 28. August 1874 unter freudigster Anteilnahme der gesamten Bevölkerung der beteiligten Ortschaften durch die Staatseisenbahnverwaltung eröffnet werden konnte.“

Vermutlich befanden sich unter den Ehrengästen der Einweihungsfahrt auch „Bürgermeisters“ aus Roßwein, und möglicherweise nutzten sie in den folgenden zwei Jahren die bequeme Verbindung häufiger für eine Stippvisite bei Claras Geschwistern in Böhrigen.

Die Privatbahn musste von Anfang an den Betrieb der sächsischen Staatsbahn verpachten, weil sie die erforderlichen Betriebsmittel für Personal, Lokomotiven und Waggons nicht mehr aufbringen konnte, nachdem die Baukosten deutlich höher als ursprünglich veranschlagt ausgefallen waren. Man hatte nämlich schon 2,6 Kilometer vor dem Roßweiner Bahnhof auf das Gleis der Strecke Döbeln-Roßwein überwechseln wollen, aber deren Eigentümerin, die Leipzig-Dresdner Eisenbahn-Kompagnie verlangte den Bau eines zweiten Gleises sowie die Erweiterung des Roßweiner Bahnhofes. Angesichts dieser Kosten waren die Gewinnträume der Hainichen-Roßweiner Aktionäre – auch Emil Lehmann besaß drei Aktien - verflogen, der Bauunternehmer Breutmann musste einen Teil seiner Forderungen sogar einklagen, und man konnte froh sein, dass die Staatsbahn überhaupt in die Bresche sprang, denn auch der Betrieb erwies sich als dauerhaft defizitär.

 

Der Bahnhof Böhrigen „erhielt drei Gleise und eine Gesamtlänge von 400 Metern zwischen den beiderseitigen Einfahrweichen, ein Dienstgebäude und einen Güterschuppen. Im Dienstgebäude wurden neben drei Diensträumen, zwei Warteräumen und einigen Räumen für den Bahnhofswirt zwei Dienstwohnungen eingerichtet... Der Anfang des Zugverkehrs im Jahre 1874 war allerdings noch recht bescheiden. Es verkehrten täglich nach beiden Richtungen nur je drei kleine gemischte Züge gemeinsam für den Personen- und Güterverkehr. Der rasch zunehmende Verkehr erforderte indessen, daß schon im November 1874 ein viertes Zugspaar eingelegt werden musste, wodurch sich aber auch die Betriebskosten wesentlich erhöhten. Das vierte Zugspaar wurde deshalb sehr bald wieder eingezogen...“

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Bahnhof Böhrigen. Zeichnung von Frieder Wegert, des bedeutendsten Künstlers des Ortes

 

 

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