Leseprobe aus "Die Sachswerk-Saga 1914-1945"

 

 

 

I. Hochzeit am Rio de la Plata

 

Es war heiß an jenem frühen Mittwochnachmittag, als ein junger Deutscher mit seinen beiden Begleitern das Standesamt Nummer 16 im bonaerensischen Stadtteil Belgrano aufsuchte, um seine noch nicht neunzehnjährige Verlobte zu heiraten. Diese konnte an der Zeremonie nicht teilnehmen und sie wusste nicht einmal, dass sie an diesem Tag ihren Namen änderte und fortan Hanna Luise Sachs geborene Cohn heißen sollte. Die Trauung war zudem auf ein Datum gelegt, das bei ihren einundzwanzigjährigen Verlobten Gerhard Günther Sachs schon einmal Verwirrung gestiftet hatte, den Geburtstag seines 1933 umgekommenen Vaters Hans Moritz Sachs. Als Kind hatte Gerhard geglaubt, die Beflaggung der öffentlichen Gebäude gelte „Vatl“, und erst später lernte er, dass man die schwarz-rot-goldenen Fahnen wegen der Abdankung des Kaisers und dessen Flucht ins holländische Exil hisste, also zur Feier der Republik. Später flaggte man nicht mehr!

Während Gerhard die Frage des argentinischen Standesbeamten mit „sí“ bejahte, senkte sich die Nacht über Chemnitz, wo die hochschwangere Hanna mit ihren Eltern zusammensaß, denn in der zweiten Novemberwoche dunkelte es hier schon am Spätnachmittag. Sie sprachen über das Attentat, welches – das war vorgestern – ein gewisser Herschel Grynszpan auf den deutschen Gesandten Ernst Eduard vom Rath in Paris verübt hatte, während jetzt in Buenos Aires Frau Leonie Riegner dem Standesbeamten ein Dokument vorlegte, das sie berechtigte im Namen und für Fräulein Hanna Cohn den Bund der Ehe mit Herrn Sachs zu schließen. Dr. Kurt Julius Riegner, ihr Ehemann, war Zeuge dieser seltsamen Feier und unterschrieb als solcher ebenfalls das amtliche Protokoll. Auch wenn die Umstände keine rechte Freudenstimmung aufkommen ließen, gingen die drei doch noch zu einem gemeinsamen Essen, tranken etwas Wein dazu und ließen die Gläser auf das Wohl des jungen Paares klingen. Bis 23 Uhr, denn am folgenden Tag musste Gerhard früh zur Arbeit, die er auf keinen Fall durch zu spätes Kommen riskieren wollte, obwohl die Tätigkeit – Toiletten reinigen, Maschinen ölen – alles andere als attraktiv war und seinen in Deutschland erworbenen Fähigkeiten in keiner Weise entsprach. Dort, in Chemnitz hatte bereits ein neuer Tag begonnen und es war vier Uhr in der Nacht. Da setzte an der Tür der Cohn’schen Wohnung lauter Lärm ein, Fäuste schlugen gegen das Holz und es klingelte ununterbrochen Sturm. „Rauskommen, Cohn! Raus, na, wird’s bald!“ „Macht endlich uff, ihr Judenschweine!“ Während sich Dr. Fritz Cohn anzog und seine Frau vor Schreck erstarrte, rannte Hanna in die Küche und suchte etwas Essbares zusammen, das sie eilig in Papier einschlug und dem Vater in die Hand drückte. Der öffnete die Tür und wurde sofort von einem groben Kerl in SA-Uniform am Mantel gepackt und rausgezerrt. „Cohn, Fritz?“ schrie man ihn an. Er nickte, sagte leise „Ja“ und hatte den Lastwagen zu besteigen, auf dem sich schon andere Männer befanden. Nach zehn Minuten war der Spuk vorbei, der Vater weg, die Mutter weinte, und Hanna rannte zu Bekannten und Verwandten in der Hoffnung, noch irgendjemand warnen zu können. – Eine Woche später – an ihrem 19. Geburtstag – erhielt Cohns Tochter aus Berlin einen Strauß roter Rosen. Jetzt erst erfuhr sie, dass der 9. November 1938, jene „Reichskristallnacht“, für sie eine doppelte Bedeutung bekam und sie wusste nicht mehr, wohin mit ihren Gefühlen. Gerhard ging es nicht anders, denn er hatte inzwischen auch erfahren, was in Deutschland geschehen war.

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V.  Das Sachswerk in den besten Jahren?

 

Die Mafrasa entwickelte sich mit ihren Fabriken, dem Marschelwerk und dem Frankwerk in Chemnitz, dem Sachswerk in Böhrigen, den Spinnereien in Magdeburg und Wilischthal und dem Werk in Zschopau sowie weiteren kleineren Filialbetrieben Mitte der 20er Jahre zum größten integrierten Trikotagenkonzern Kontinentaleuropas. In den angeschlossenen Fabriken waren etwa 6.000 Arbeitskräfte beschäftigt, von denen wohl über drei Viertel Arbeiterinnen waren. Allein das Marschelwerk hatte eine Belegschaft von etwa 2.500 Leuten und eine Färberei, die mit 15 Tonnen täglich mehr Textilien kolorierte als jede andere in Sachsen, wohingegen im Sachswerk „nur“ rund 600 Menschen arbeiteten, in Spitzenzeiten aber mehr. Der durchschnittliche Umsatz entsprach jährlich etwa dem zweifachen Unternehmenskapital, also rund 10 Millionen Reichsmark. Die Fabrikation bestand hauptsächlich aus gewirkter Unterwäsche, die in den konzerneigenen Werken vom Rohstoff angefangen alle Stufen der Fertigung durchlief. Besonderen Wert legte das Unternehmen darauf, dass man echte ägyptische Mako-Baumwolle der höchsten Weltmarktqualität verarbeitete, teilweise auch Kunstseide, was den Erzeugnissen einen guten Ruf sicherte.

Wie innovativ das Unternehmen war, berichtet Kenneth Frank Sheridan,  Otto Schlesingers Sohn, in seinen Lebenserinnerungen: „Ehe ich dieses Thema verlasse und mich wieder meiner Lebensgeschichte zuwende, muss ich vorher noch eine extrem nützliche und finanziell erfolgreiche Erfindung der Mafrasa erwähnen. Sie ist interessant, denn sie beleuchtet ein Stück Sozialgeschichte. Vor dem Ersten Weltkrieg waren Frauenkleider unveränderlich lang, und nur ein zufälliges Herausschauen von etwas weißer Spitze deutete die Unterwäsche an. Wäsche, die man auf der Haut trug, musste weiß sein – Farbigkeit wurde nicht als sauber angesehen, und tatsächlich ließ Farbechtheit von Textilien damals sehr zu wünschen übrig. Nach dem Krieg hatte sich plötzlich die Frauenemanzipation durchgesetzt und mit dieser das kurze Kleid. Die Unterwäsche geriet nun immer offener ins Blickfeld und den Kontrast zwischen dunklen Kleidern und dem Weiß darunter empfand man nicht besonders attraktiv. Das war der Grund, der zur revolutionären Erfindung des ‚Doppel-Schlüpfers’ führte, zwei Damenschlüpfer in einem, ein weißer Baumwollschlüpfer innen, den ein farbiger Außenschlüpfer bedeckte. Der Innenschlüpfer wurde häufig gewaschen, während der Außenschlüpfer auf die wöchentliche oder monatliche Wäsche warten konnte und dadurch nicht so schnell seine Farbe einbüßte. Es war für die Mafrasa ein großer Geschäftserfolg.“ 

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XI. „Arisierung“ – Furcht und Hoffnung

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Auch den jüdischen Unternehmen schien die „Arisierung“ anfänglich ein gangbarer Ausweg zu sein, den sie in Verkennung der räuberisch-rassistischen Absichten der Nazis als Kompromiss verstanden. War es nicht vernünftig, durch Hereinnahme nichtjüdischer Aufsichtsratsmitglieder und Direktoren das braune Umfeld zu beschwichtigen?  Nur wenige sahen das Unheil so klar heraufziehen wie der Vorstandssprecher der Deutschen Bank Georg Solmssen – getaufter Christ und Sohn von Adolf Salomonsohn –, der an seinen Aufsichtsratsvorsitzenden am 9. April 1933 schrieb: „Lieber Herr Urbig. Die Ausstoßung der Juden aus dem Staatsdienst, die nunmehr durch Gesetz vollzogen ist, drängt die Frage auf, welche weiteren Folgen sich an diese, auch von dem gebildeten Teile des Volkes gleichsam als selbstverständlich hingenommenen Maßnahmen für die private Wirtschaft knüpfen werden. Ich fürchte, wir stehen noch am Anfang einer Entwicklung, welche zielbewusst, nach wohlaufgelegtem Plane auf wirtschaftliche und moralische Vernichtung aller in Deutschland lebenden Angehörigen der jüdischen Rasse, und zwar völlig unterschiedslos, gerichtet ist. Die völlige Passivität der nicht zur nationalsozialistischen Partei gehörenden Klassen, der Mangel jedes Solidaritätsgefühls, der auf Seite aller derer zu Tage tritt, die bisher in den fraglichen Betrieben mit jüdischen Kollegen Schulter an Schulter gearbeitet haben, der immer deutlicher werdende Drang, aus dem Freiwerden von Posten selbst Nutzen zu ziehen, und das Totschweigen des Schams, die unheilbar allen denen zugefügt werden, die obgleich schuldlos, von heute auf morgen die Grundlagen ihrer Ehre und Existenz vernichtet sehen – alles dieses zeigt eine so hoffnungslose Lage, daß es verfehlt wäre, den Dingen nicht ohne jeden Beschönigungs-Versuch ins Gesicht zu sehen.“ Aber selbst wenn man die Lage so illusionslos sah, musste man dennoch Entscheidungen für das Unternehmen treffen.

 

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Der Terror gegen die Juden zeigte sich schon im ersten Jahr der Hitlerherrschaft auf vielfältige Weise: antisemitische Hetze in Presse und Rundfunk, unverhohlene Diskriminierung und Demütigung in Schulen und Universitäten, subtile Gemeinheiten und Verbalinjurien im Alltag, gelegentlich auch rohe Gewalt. Als Kurt Bernstein und seine Familie wie gewohnt zum Sommerhaus am Walchensee fuhren, nahm sich dort ihr Fahrer Haschke den erstbesten Liegestuhl und brannte sich eine Zigarette an, „den Juden“ trug er die Koffer nicht rein. Im See badete derweil Nachbar und „Reichsjugendführer“ Baldur von Schirach. Sicher auch ihm zuliebe ließ die Gemeinde einige Jahre später ein Schild am Ortseingang anbringen: „In diesem Ort sind Juden unerwünscht!“ Haschke versah seinen Dienst bei „den Juden“, wie es sich für einen Nazi geziemte: Wollte Frau Bernstein im Chemnitzer Zentrum eine gerade gesichtete Freundin mitnehmen, so fuhr er weiter und fragte ein ganzes Stück später: „Hamm’Se was gesagt? Na, jetzt isses sowieso zu spät!“ Doch niemand wagte etwas zu sagen oder gar etwas gegen den unverschämten Fahrer zu unternehmen. Auch die Kinder waren täglich kleinen Gemeinheiten ausgesetzt: Irene litt darunter, als „Reiche“ von ihren Klassenkameradinnen, die fast alle aus einfachen Verhältnissen kamen, gehänselt werden. Deshalb wollte sie wenigstens das letzte Stück Schulwegs zu Fuß gehen. Haschke aber fuhr sie demonstrativ bis zum Schulhauseingang! Die Eltern ertrugen es schweigend und mahnten die Tochter zur Zurückhaltung. – In Kurt Bernsteins Haus befand sich ein Alarmknopf, welcher eine Verbindung zur nächsten Polizeiwache herstellte. Eines Nachts hörte er in einem der hinteren Räume verdächtige Geräusche, dem Anschein nach ein Einbruch. Er löste den Alarm aus – nichts geschah. Der „Einbrecher“ erwies sich als harmlose Katze, aber die Polizei erklärte ihre Untätigkeit damit, man habe Anweisung, auf den Alarm bei Juden nicht mehr zu reagieren.

 

Durch den Tod von Hans Sachs und Arthur Weiner hatten zwei der Unternehmensfamilien die neue Zeit gleich von ihrer brutalsten Seite erfahren, nun sollte es auch die Franks treffen: Am 1. Februar 1934 entführte eine siebenköpfige SA-Bande Otto Schlesinger auf offener Straße, verschleppte ihn nach Berlin und versuchte von den „reichen Juden“ ein Lösegeld zu erpressen, um ein teures Auto, einen „Horch“, zu bezahlen. Rolf Meyerheims Kenntnis des Polizei- und Justizapparates in Berlin verdankte es die Familie Schlesinger, dass sich die Kripo nicht nur des Entführungsfalles annahm, sondern diesen durch den schwergewichtigen Oberkriminalrat Ernst Gennat, den „Kommissar vom Alexanderplatz“, so nachdrücklich und dank der Überlegenheit seines „Maybach“ über den „Horch“ so erfolgreich beendete, dass dies aus heutiger Sicht geradezu unglaublich erscheint. Nur langsam verwandelte sich nämlich der Staatsapparat in ein willfähriges Werkzeug der Nazis, weil es für einen Teil der Beamtenschaft anfangs noch ganz selbstverständlich war, korrekt und ohne Ansehen der Person die Pflicht zu erfüllen. Dies rettete Otto Schlesinger das Leben, doch in die Firma kehrte er als halb gebrochener Mann zurück.

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