Leseprobe aus „Nachsaison in Duhnen“:
 

... Es war kalt, es war Mitte November, und es war gut hier zu sein. Rita Sieversen ging auf dem Duhner Deich spazieren und sog tief die raue Nordseeluft ein. ‚Warum kann ich erst da atmen, wo andere frieren‘, fragte sie sich und lächelte, weil sie die Antwort zu gut kannte.

   Kaum einer ihrer Freunde hatte verstanden, wie sie zu dieser Jahreszeit nach Cuxhaven fahren konnte, da nimmt man ein Flugzeug und reist in den Süden. Aber sie wusste, dass dies genau die richtige Entscheidung war und durchaus keine Kurzschlusshandlung, um vor Robert oder ihren Gefühlen zu ihm zu fliehen.

   Robert – sie erinnerte sich an ihre Anfangszeit, als er so begeistert war von ihrer toleranten Einstellung und immer wieder ihre „noble Haltung“ lobte, die er gar nicht wirklich hinterfragte, da sie für ihn unendlich bequem war. Zunächst sprach er wie selbstverständlich von seiner offenen Ehe, doch mit der Zeit ertappte sie ihn immer häufiger beim Lügen, und schließlich fand sie heraus, dass seine Frau überhaupt nichts von ihr wusste und von nun an immer mehr Rücksicht genommen werden musste auf dies und das. Da war es dann zu spät, noch leichthin gehen zu können...

   Für sie stand fest, dass sie keine Beziehung auseinanderbringen wollte, aber so weitermachen wie bisher konnte sie auch nicht. Sie hatte sich immer von Verbitterung, dem gegeneinander Aufrechnen  fernhalten wollen, aber nun war sie auf dem besten Weg sich zu verändern... auf eine Art..., dass sie sich manchmal selbst nicht mehr leiden konnte. Ihr Gesicht verfinsterte sich, als sie merkte, dass sie schon wieder mit ihrem Berliner Alltag beschäftigt war. Nein, sie war nicht so weit gefahren, nur um sich in der gleichen Welt zu bewegen, die sie gerade verlassen hatte.

   Sie ließ ihren Blick über die zurückschäumende Flut gleiten, der Wind zerzauste ihr Haar und die frische Luft belebte sie, so sehr, dass sie beim Ausatmen das Gefühl hatte, alles Negative, alles Zerstörerische, der gesamte aufgestaute Müll würde aus ihr herausgespült.

   Sie war schon öfter in Cuxhaven gewesen, und jeder Aufenthalt hatte ihr auf die eine oder andere Weise gut getan. Dieses Mal hatte sie sich für den Kurort Duhnen entschieden, der wegen seiner schönen Strandlage meist überlaufen war, aber in der Nachsaison nur wenige Kurgäste beherbergte.

   Sie schaute übers Meer, auf die sanft abfallenden Dünen... und ihre Kraft und ein wenig Ruhe kehrten zurück und sie wusste wieder, warum sie hierher gekommen war und was sie sich von dieser herrlich ungestümen Landschaft erhoffte. Sie wollte ihre Freiheit zurück - ihren Seelenfrieden - sie wollte endlich wieder sie selbst sein! Und Cuxhaven sollte ihr dabei helfen!

   Nachdem sie Strand und See begrüßt hatte, wandte sie sich dem Landesinneren zu. Es sah nach einem schönen Morgen aus und den wollte sie für einen ausgedehnten Spaziergang durch die Felder nach Sahlenburg nutzen. Sie war schon bald eine Stunde unterwegs als ihr eine kleine Anhöhe auffiel. Die wollte sie sich näher ansehen. Der Boden war uneben, kleine grasbewachsene Erdwälle musste sie überqueren, dabei blieb sie an Dornengestrüpp hängen. Zunächst versuchte sie sich behutsam zu befreien, als das nichts half, riss sie heftig an ihrer Windbluse - da sah sie einen hellen roten Farbtupfer durch dichte Zweige herüberleuchten. Jetzt war ihre Neugierde geweckt und sie ging direkt auf die Stelle zu. Das grelle Rot störte den ansonsten beinahe romantischen Anblick, sie konnte nicht genau erkennen, was es war, Abfall vermutlich...nein, ein schlichter Wollschal! Wer hatte den denn hier verloren? Ihre innere Stimme warnte sie, riet ihr weiterzugehen, aber sie hatte sich schon gebückt und zog an dem Schal, der irgendwo festzuhängen schien. Sie beugte sich noch weiter hinunter, bog die ineinander verhakten Äste auseinander und sah einen Mann gekrümmt am Boden liegen, mit dem Gesicht nach unten, nur notdürftig mit Laub bedeckt.

   Am ganzen Körper erstarrt, war sie unfähig sich zu bewegen oder auch nur einen klaren Gedanken zu fassen. Sie sollte den Fremden untersuchen, nachsehen, ob er noch lebte, ob man ihm noch helfen konnte. Aber sie brachte es nicht fertig, ihn anzufassen. Sie wusste auch so, dass er tot war, wahrscheinlich war er sogar ermordet worden, denn woher sollte all das Laub kommen. Entsetzt machte sie ein paar Schritte rückwärts und stolperte über einen Grasbüschel.

   Jetzt setzte Panik ein. Was tat man, wenn man eine Leiche fand? Weit und breit war kein Mensch zu sehen, ihr Handy hatte sie nicht dabei. Plötzlich kam ihr der Gedanke, dass der Mörder noch in der Nähe sein könnte. Hektisch durchquerte sie den Graben, sank permanent im weichem Boden ein, dann stand sie endlich auf einer lehmgestampften Straße und von da an rannte sie nur noch ...

© Alkyon Verlag

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