Leseproben aus Heide Schmidt: "Dich merke ich mir!" / Lotte Betke erzählt ihr Leben

Wenn Lotte von der Berliner Zeit erzählt,  kommt sie unweigerlich auf  Richard III. (1937) zu sprechen. Die Inszenierung ist ihr als Schlüsselerlebnis im Gedächtnis geblieben. Sie war Königin Anna neben Werner Krauß als Richard III. Es war die größte Rolle ihres Lebens, danach hat sie in ihrer Wahrnehmung nur noch kleinere, für sie weniger bedeutende Rollen gespielt. Und sie erinnert sich noch genau, wie befreiend, wie Mut machend die Inszenierung war: 

Fehlings berühmteste und zugleich politisch riskanteste Aufführung war Richard III. Und meine letzte große Rolle war darin die Anna. Das war auch ein Sensationserfolg für mich und außerdem für das Stück. Richard III., eine ganz berühmte Anti-Naziaufführung von Jürgen Fehling, dem großen Regisseur: „Jede einzelne Szene bedeutete eine Entlarvung der Gewalthaber, Bloßlegung ihrer Methoden, Verlegenheiten, ihres Brutalismus. Das gegenseitige Verleugnen und Anschwärzen, Verfolgen und Kopfabschlagen, Machtstreben und Macht missbrauchen, das demagogische Werben um Wählerstimmen und das Verhöhnen der Opfer verkörperte, zusammengefasst, dieser hinkende Richard, dargestellt von Werner Krauß, der mit seinem Schwert hantierte, das größer war als er selbst. Das Werben Richards um Lady Anna, deren Gatten und Vater er ermordet hat, entsprach dem Zynismus der Machthaber und wurde mit der ganzen Überlegenheit und Menschenverachtung, besonders Frauen gegenüber, demonstrativ ausgespielt“. 

„Richard III.“(1937) ist für Lotte Betke eine besonders lebendige Erinnerung. Im Frühjahr 2006 war sie nach einem Unfall noch an den Rollstuhl gefesselt und konnte nur mühsam auf den Beinen stehen. Als sie mir davon erzählt, steht sie langsam auf, hält ein imaginäres, übergroßes Schwert in der Hand, so wie Werner Krauß und deutet seine Gehbewegungen an, mit denen er Goebbels imitiert. Es war soviel von ihrer alten Kraft zu spüren, dass ich Gänsehaut bekam. Die Erinnerungen an die Entstehung der Rolle, an ihre Zusammenarbeit mit Jürgen Fehling lassen sie ganz jung werden.

Fehling habe ich geliebt. Fehling hielt viel von mir. Ich habe ihn angebetet. Als Regisseur hatte er eine unheimliche Ausstrahlung. Mit Sicherheit holte er aus einem heraus, was vorhanden war.

Ich war Königin Anna unter ihm. Königin Anna ist eine sehr, sehr schwierige Rolle. Richard III hat ihren Mann und ihren Schwiegervater umgebracht und jetzt trifft er Anna an dem Leichenzug ihres Schwiegervaters. Da wirbt er um sie und das ist eine so schwierige und unmögliche Szene, wie diese labile Person, diese verlassene Königin dann seinem Werben erliegt.

Eines Tages rief Fehling mich an und wollte mit mir reden. Ich war erstaunt, wir hatten keine Beziehung, obwohl schon Erotik mitschwang. Theater ohne Erotik geht eben nicht. Es muss auf der Bühne knistern. Bei Kaffee und Kuchen eröffnete er mir: Ich inszeniere Richard III. und du spielst die Anna. Ich sagte: O Gott, Herr Fehling, das kann ich nicht. Und da lachte er nur und sagte mit großer Bestimmtheit: Ich kenne dich doch, das steckt in dir. Mein Zögern zerstreute er. Er kannte mich besser als ich mich selbst. Und er hat mich wirklich dahin gebracht, in der Rolle diese labile Frau zu werden, die sich da einfach erotisch überwältigen lässt von einem Richard, der ihren Mann und ihren Schwiegervater umgebracht hat. Das will man ja vielleicht  als Frau selbst auch gar nicht so wahrhaben. Da hat er mich derart drauf gebracht und hingeführt, ich wurde dann auch so richtig angezogen, es kam so eine merkwürdige erotische Stimmung auf, und das war eigentlich nicht so meine Art, aber das hat er wirklich aus mir rausgeholt. Fehling ließ uns also von ganz hinten aus dem Bühnenraum mit Dudelsackmusik kommen, so dass man sowieso schon in Stimmung kam. Ich musste immer so merkwürdig nur irgendetwas daher murmeln - murmeln, murmeln. Es war eine ganz eigenartige, wie aufgeheizte  Stimmung und der Fehling sagte: Ich probier erstmal ganz mit dir allein. Er hat mich unheimlich bearbeitet, hat mich reingepresst in die Rolle, dass ich dann wirklich in der Anna drin war. Dann erst ließ er den Krauß auf mich los. Wie mit einem Magneten hat Fehling aus mir herausgeholt, was da war.  Das war natürlich sehr schlau, er hat mich erst gefestigt - er war großartig als Regisseur. Und dann kam Krauß, er hatte eine solche Ausstrahlung, unglaublich. Mit seiner Hässlichkeit und mit seinem Schwert, wie er da humpelnd ankam, hatte er eine solche Machtausstrahlung - diese nicht zu beschreibende Anziehung, dass ich ganz von selber das, was Fehling nun schon in mich gepflanzt hatte, weiter führen konnte. Fehling, der sonst dauernd unterbrach, hat uns überhaupt nicht unterbrochen, die Szene stand, das war das reine Wunder. Krauß war als Schauspieler unbeschreiblich, er hatte eine unglaubliche  Verwandlungskraft. Als Richard III. hat er seine Gesinnung verleugnet und ist in Shakespeare aufgegangen. Diese Inszenierung war mit das Schönste, das ich je am Theater erlebt habe und das Mutigste, denn Fehling ließ die Schergen in verkappten SS-Uniformen, schwarz und braun auftreten und fegte mit dieser Aufführung im Grunde die ganze Nazisippschaft von der Bühne, es war für uns Nazikritiker jeden Abend wie eine Erlösung: es nimmt doch mal eine Ende.

Ich weiß noch, wie wir erstarrten beim Auftritt des Kanzlisten vor der großen Pause. Es ist ein kurzer einminütiger Auftritt, der in einem Empörungsschrei gipfelt:

Schlimm ist diese Welt, sie muss zugrunde geh'n 

wenn man muss schweigend diese Ränke seh'n

Das war der offene Protest, wir haben alle gedacht, das kann gar nicht gut gehen und das wollte Gründgens auch raus haben, aber Fehling hat gesagt "nein" und hat gesiegt.

© Alkyon Buchverlag Irmgard Keil

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