Textprobe aus: "Der Weg nach Nurmiran"

1. Kapitel

Als Peter im Nirmas-Wald ankam, waren seine Beine sehr schwer geworden. Wie weit ich gewandert bin! dachte er. Und keiner ist mir begegnet! Hätte ich den Rat befolgt, den mir der Unbekannte gegeben hat, so wäre ich nie hier angekommen. Aber eine Stimme in mir hat mich gewarnt.

Er suchte einen Stein, um auszuruhen. Die Bäume im Nirmas-Wald schienen aus Glas zu sein. Die Stämme leuchteten in einem dunkelglühenden Rot. Und die Blätter, durch die wispernd ein Wind fuhr, schimmerten. Blaugrünes Moos bedeckte den Waldboden.

Als Peter den Stein fand, den er suchte, ließ er sich nieder und seufzte. Wenn er zurückdachte an zu Hause, wurde sein Herz schwer. Hier sitze ich nun und habe den Nirmas-Wald gefunden, von dem die Großmutter erzählt hat. Aber ich bin traurig, denn niemand hat mich hierher begleiten wollen. Auch Lupus, mein Hund, ist mir nur kurze Zeit gefolgt. Vater, der schon am Morgen den Turm bestiegen hat, hat nicht bemerkt, wie ich über die Grenzlinie gesprungen bin. Mutter war mit Großmutter im Garten. Auch die Tante war unterwegs zum Dorf. So ist es mir geglückt, unbemerkt die Grenzlinie zu überspringen.

Als ich zum Narmu-See kam, drehte ich mich um und schaute zurück. Doch das Dorf war schon nicht mehr zu sehen. Ich habe den Narmu-See durchschwommen, und sein Wasser war bitter und schwer. Auch die Nurna-Heide habe ich durchquert. Die Sonne brannte herab, und ihre Strahlen ließen schwarze Punkte auf meiner Haut zurück. Ich trage sie an mir, und sie beweisen, daß ich entkommen bin. Noch habe ich Schmerzen im Hals, denn ich habe geschrien. Meine Zunge ist rauh von den gelben Beeren der Nurna-Heide.

Als ich schrie, war ich schon weit hinter der Nurna-Heide. Es war Nacht, und am Himmel schwebte ein großer Mond. Er hing tief. Manchmal schien er zu stürzen. Wenn ich Steine aufhob vom schmalen Weg, war es mir, als ziehe er sich zusammen. Ich warf Steine nach ihm vom schmalen Silberweg hinter der Nurna-Heide.

Da trat der Unbekannte zu mir und lachte. Er stand plötzlich im Schatten eines Silberbaumes und griff nach mir.

Bleib zurück! schrie ich. Oder ich verwunde dich mit einem Stein, den ich dir an den Kopf werfe!

Der Unbekannte sagte: Dein Vater hat dir das nicht erlaubt, über die Grenzlinie zu springen. Deshalb warte ich hier auf dich.

Mein Vater wartet auf das Eintreffen eines Schiffes mit der großen Goldlast Pantadafanti. Er hat keine Zeit dafür aufzupassen, wo ich mich herumtreibe, entgegnete ich.

Der Silberbaum ließ seine Äste wehen und klingen, daß der Unbekannte einen Augenblick zu lauschen begann. Es war eine Melodie, die das Gesicht des Unbekannten ganz traurig machte. Er ließ die Hände sinken.

Geh nach Hause! rief er mir zu und trat in den Schatten zurück. Noch haben sie nicht bemerkt, daß du über die Grenzlinie gesprungen bist. Wenn die Goldlast Pantadafanti eintrifft, wird dein Vater sie dir zeigen wollen. Er braucht dich, denn allein kann er das Schiff nicht entladen. Es ist doch...

Ja, fragte ich, was ist es? Dabei war gar niemand mehr da. Nur der Mond rollte den dunkelfarbenen Himmelsweg entlang. Der Silberbaum ächzte. Der Pfad wurde ganz schmal und drohte zu verschwinden. Ich aber ging weiter und hielt ihn mit meinen Schritten fest, bis zu diesem Augenblick.

Peter rieb sich die Augen. Er saß auf dem Stein im Nirmas-Wald. Und auf einmal hatte er den Weg, auf dem er gekommen war, aus den Augen gelassen.

Wege wie diesen gibt es nur hinter der Grenzlinie, dachte er. Einen Augenblick habe ich geträumt, und er hat es ausgenützt. So will ich also auf diesem Stein sitzen und warten, was geschieht.

Peter war nun nicht mehr traurig, wenn er an zu Hause dachte. Ich bin jetzt dort, wo Großmutters Geschichten spielen, ging es ihm durch den Sinn. Nach seiner Rückkehr würde er aus eigener Anschauung berichten können. Doch die Mutter wäre sicher zu beschäftigt, um zuhören zu können. An die Tante, die über alles die Nase rümpfte, dachte Peter schon gar nicht mehr.

In diesem Augenblick kam eine seltsame Gestalt auf ihn zu, eine Art Besen, jedoch mit zwei Beinen und mit Händen, die einen Korb mit Gemüse trugen. Salatköpfe sah Peter und Gurken, Kohl und Rettiche, eine große Zwiebel, die mit ihrer glänzenden Schale wie eine goldene Kugel aussah.

Nimm die Zwiebel, sagte der Besenmann mit rauher Stimme, sie ist eßbar. Wer im Nirmas-Wald ist, braucht die Zwiebel Sirpenti, wenn er nicht wahnsinnig werden will. Außerdem stillt sie den Hunger. Es ist kein gewöhnlicher Hunger, der die Leute hertreibt.

Kommen denn viele in diesen Wald? fragte Peter etwas enttäuscht. Er hatte geglaubt, es sei nur ihm gelungen, den Nirmas-Wald aus Großmutters Geschichten zu finden. Jetzt mußte er hören, daß es ein ganz normaler Spazierwald für die Leute war.

Viele nicht unbedingt, sagte der Besenmann zu Peters Erleichterung. Aber manche schon.

Wie viele? wollte Peter wissen.

Was geht es dich an, knurrte der Besen. Wer zuviel fragt, bekommt Ärger hier. Nimm die Zwiebel jetzt, denn es ist spät. Es ist bereits hoch am Tag, und die Schalschamschumalch sind auf der Suche nach dir. Wenn du die Zwiebel nicht hast, werden sie dich wehrlos vorfinden.

Die Schalschamschumalch? fragte Peter zögernd. Als er aber das böse Gesicht seines Gegenübers sah, griff er rasch nach der Zwiebel und biß hinein.

Hörst du sie jetzt? fragte der Dürre.

Wen? flüsterte Peter, der die Ohren anstrengte und zugleich die Zwiebel zu kauen versuchte, die ihm große Tränen ins Auge trieb.

Die Schalschamschumalch sind Glocken, die ein so entsetzliches Getöse machen, daß kein Ohr es erdulden kann. Nur wer die Zwiebel Sirpenti genossen hat, kann es ertragen. Nach einer Zwiebelmahlzeit klingen sie manchmal sehr interessant. Du könntest sie sogar angenehm finden, wenn du musikalisch bist. Aber viele, die hierher kommen, sind unmusikalisch. Hör einmal hin! Hörst du etwas? Peter hörte einen Augenblick zu kauen auf und lauschte. Aber er konnte nichts hören.

Ich höre gar nichts, sagte er kleinlaut.

Das ist sehr merkwürdig, wunderte sich der Dürre. Vielleicht solltest du einen Versuch mit der Gurke Lagrundeli machen. Sie hat ganz unerhörte Eigenschaften. Und wenn sie auch mit der Zwiebel Sirpenti in ständiger Zwietracht lebt, wäre es in deinem Fall angebracht, keine Möglichkeit auszulassen.

Gurken, sagte Peter, mag die Großmutter sehr. Aber bei uns haben sie keine Namen.

Lagrundeli ist kein Name, sagte der Besenmann. Es ist eine Sortenbezeichnung. Doch nimm sie aus dem Korb heraus, bevor ich es mir überlege. Oder hörst du jetzt die Schalschamschumalch?

Ein bißchen, log Peter, der nicht wollte, daß die Zwiebel beleidigt war. Dann zog er die große Gurke heraus und führte sie vorsichtig zum Mund. Die Zwiebel hielt er noch immer in der anderen Hand. Sie war durch die Bissen Peters nicht kleiner geworden. Genauer gesagt, sie hatte sich nach jedem Biß sofort wieder zu ihrer normalen Größe ergänzt.

Als Peter in die Gurke Lagrundeli hineinbiß, seufzte sie auf und wisperte: ‘Je ein Biß, so schnell der Riß’.

Im Mund schmeckte sie süß, obwohl sie eher bitterlich roch. Sie zerlief Peter gleichsam wie ein zarter Schnee auf der Zunge, so daß er sofort entschlossen war, sie ganz aufzuessen.

Der Besenmann war schon zum Gehen gewendet und rief, als er einige Schritte entfernt war, noch einiges Unverständliche in Peters Richtung zurück.

Jetzt sah Peter, daß die Gurke sich nicht erneuern konnte, wie die Zwiebel es getan hatte. Noch einmal biß Peter in ihr bitter duftendes Fleisch hinein, das unterm Gaumen in eine wunderbar lockende Süße zusammenschmolz.

Ich muß mich zusammenreißen, dachte Peter, sonst esse ich die Gurke Lagrundeli zu schnell und zu gründlich auf. Sie aber kann sprechen und mir gute Dienste leisten. Die Zwiebel jedoch sagt kein Wort, und ihr Geschmack ist, ehrlich gesagt, von ganz gewöhnlicher Herkunft.

Er steckte die Zwiebel in die rechte und die Gurke in die linke Hosentasche und stand auf.

 

2. Kapitel

Peter erwachte und rieb sich die Augen. Wo warst du, fragte ein Uhu, als du geschlafen hast? Der Uhu saß auf einem blauglänzenden Ast und schaute Peter aus blinzelnden Augen neugierig an. Peter stand auf und schwieg. Er konnte sich doch nicht einfach von jedem nächstbesten Uhu ausfragen lassen. Und überhaupt, was gingen jemanden seine Träume an.

Aha, sagte der Uhu, du willst es also für dich behalten.

Wo war ich denn? fragte sich Peter jetzt selbst. Ich habe es ja vergessen. Wenn ich es auch erzählen wollte, ich könnte es gar nicht. Es ist einfach weg.

Nun? fragte der Uhu. Ist es dir peinlich davon zu sprechen?

Ich habe dir nichts zu sagen, entgegnete Peter trotzig. Vielleicht habe ich geträumt. Vielleicht habe ich auch einfach geschlafen. Wäre das so schlimm?

Allerdings, brummte der Uhu. Ich war gespannt darauf, eine Geschichte zu hören. Und nun läßt du mich sitzen. Wohin willst du denn?

Peter lief einfach los, doch der Uhu ließ nicht locker. Er breitete die Schwingen aus und zog seine lautlosen Kreise. Der Nirmas-Wald trat mit jedem Schritt weiter auseinander und bildete eine ziemlich ausgedehnte Lichtung.

Durch diese Lichtung flog der Uhu voraus und ließ sich dann irgendwo auf einem Ast nieder.

Komm rüber, orgelte er, wenn du dich traust. Hier gibt es Überraschungen. Kennst du dich aus?

Nein, antwortete Peter kleinlaut. Er versuchte sich an Großmutters Geschichten zu erinnern. Doch es fiel ihm immer nur ein, wie sie begonnen hatten. Nicht wie andere Märchen.

Ich warte hier, schnarrte der Uhu. Wenn dir einfällt, wo du im Schlaf warst, sag’ es. Dann fliege ich zu dir über die Lichtung und hol dich.

Kannst du mich denn tragen? staunte Peter. Wenn nicht ich, so niemand, beschied ihn der Uhu.

‘Es war niemals ein Wald’, erinnerte sich Peter.

Warum hatte Großmutter das getan? Warum hatte sie die Geschichte denn so anders begonnen?

Denk nach, stachelte der Uhu ihn an. Wir sind hier im Nirmas-Wald.

Natürlich! Jetzt fiel es ihm ein. Es mußte so sein. Konnte denn der Nirmas-Wald wie andere Geschichten erzählt werden, die wie alte Märchen so lächerlich mit ‘Es war einmal’ begannen?

Niemals! sagte Peter entschlossen. Er biß ganz fest die Zähne zusammen.

Hast du den Faden gefunden? erkundigte sich der Uhu. Also, dann schieß los!

Ich war zu Hause bei Großmutter, versuchte Peter ihn hinzuhalten. Sie hat mir von einem Wald erzählt.

Von mir auch? fragte der Uhu interessiert.

Daran kann ich mich eben nicht erinnern, wehrte Peter ab. Sicher war ich nur kurz zu Hause. Ich bin doch weggelaufen. Meinst du, ich renn’ jetzt im Schlaf sofort wieder zurück und zeig’ dadurch, daß ich eigentlich lieber zu Hause geblieben wäre?

Was willst du denn hier? fragte der Uhu.

Das, was Großmutter erzählt hat, stimmt doch? stellte Peter eine Gegenfrage, um den Uhu zu verwirren.

Ich hol dich jetzt, sagte der Uhu ausweichend. Du kannst mir alles unterwegs mitteilen.

Er ließ sich über die Lichtung gleiten und dann vor Peter im Gras nieder. Das Gras war ziemlich hoch am Rand der Lichtung, und plötzlich sah Peter, daß am Fuß der Halme ein ungeheures Gewimmel herrschte.

Steig auf! befahl der Uhu. Es ist höchste Zeit, sie haben dich entdeckt.

Wen meinst du? fragte Peter vorsichtig und stieg auf den Rücken des Uhus.

Die Katalken natürlich, die die Lichtung unsicher machen. Sie sind zwar klein, aber das gleichen sie dadurch aus, daß sie in unermeßlicher Zahl vorkommen. Wenn sie einen Ump entdecken...

Einen Ump? fragte Peter.

Wir nennen euch Umps, sagte der Uhu und erhob sich im letzten Augenblick. Die Katalken hängen sich zu Hunderttausenden an die Beine eines Umps und saugen sich fest.

Warum tun sie das denn? wollte Peter wissen, der plötzlich daran denken mußte, wie schwer seine Beine gewesen waren, als er im Nirmas-Wald ankam.

Merkwürdige Frage, gab der Uhu zurück. Warum sollten sie es nicht tun? Es ist eben ihre Art, sich mit den Umps zu beschäftigen.

Katalken hat Großmutter nie erwähnt, stammelte Peter.

War sie denn selber hier? fragte der Uhu.

Das müßtest du doch wissen, wenn du hier auf der Lauer liegst, hielt ihm Peter entgegen. Mich hast du doch auch gleich entdeckt.

Das ist etwas anderes, ließ der Uhu hören. Dich erwarten wir schon lange.

Bin ich denn hier bekannt? stotterte Peter und sah, wie sich die Lichtung unter ihm dehnte. Es ist ein Sumpfgelände, erkannte er. Jetzt flogen sie schon eine ganze Weile, ohne daß Peter den Eindruck hatte, daß sie vorwärtskamen.

Bin ich ihm zu schwer, wird er mich abwerfen, ging es Peter durch den Kopf. Wie konnte er nur ein so gefährliches Angebot annehmen?

Die Beschreibung trifft zu, sagte der Uhu. Du hast doch den Besenmann getroffen. Hat er es nicht gesagt?

Was soll er denn gesagt haben? fragte Peter ängstlich.

Daß die Beschreibung zutrifft, fuhr der Uhu fort. Du erfüllst die Bedingungen.

Darüber haben wir nicht geredet, sagte Peter, ein wenig enttäuscht darüber, daß der Besenmann etwas so Wichtiges nicht erwähnt hatte.

Er hatte den Auftrag, dich zu empfangen, hub der Uhu wieder an.

Ich bin dann wohl eingeschlafen. Vielleicht liegt es daran, daß er nichts mehr sagen konnte. Ich muß sehr müde gewesen sein.

Alle Umps sind müde, wenn sie hier ankommen. Das hätte er wissen müssen. Ich werde...

Peter griff an seine Taschen, denn es waren ihm die Zwiebel Sirpenti und die Gurke Lagrundeli eingefallen, die er dem Besenmann verdankte.

Ganz so nutzlos war die Begegnung also doch nicht gewesen. Als Peter seine Ohren spitzte, - noch immer hörte er den Uhu über den Besenmann reden, aber er konnte beim besten Willen nicht mehr zuhören, denn jetzt erinnerte er sich an die Musik der Schalschamschumalch -, schien es ihm einen Augenblick lang, als falle aus der Ferne ein leise wirbelnder Glockenklang ihn an. Oder war es eher ein dunkel rollender Trommelwirbel?

Tief unter ihnen blitzte in sumpfigen Flächen die von der Sonne getroffene Ebene, an deren Rändern der Nirmas-Wald immer weiter zurückwich.

 

3. Kapitel

Der Uhu war verschwunden. Peter sah, wie der Eingang zur Höhle bewacht wurde. Zwei Wächter in Uniform, von denen jeder einen Schild, der wie ein Kehrblech aussah, vor sich hielt, standen zu Seiten des Eingangs.

Warum hat er mich hier abgesetzt, ohne mich vorzustellen? dachte Peter. Wenn es eine Falle ist, wird es sich rasch herausstellen. Vielleicht Verwandte des Besenmannes, ging es ihm durch den Kopf. Dann wäre es ja gut, wenn ich mich auf ihn berufe und zum Beweis unserer Bekanntschaft die Zwiebel Sirpenti vorzeige. Auch die Gurke Lagrundeli könnte mir nützen, da sie der Sprache mächtig ist und meine Aussage bekräftigen kann.

Peter stand im Schatten eines Glasbaumes. Der Stamm war aus dunkelrotem, an manchen Stellen schon brüchigem Glas, das in Augenhöhe in ebensolche Äste auslief, die jedoch mit zunehmender Höhe die Farbe wechselten. Nur wenige Blätter waren übrig geblieben, die anderen lagen im blaugrünen Moos und zerbrachen, wenn man darüber ging, mit einem knirschenden, schrillen Geräusch, das in die Ohren schnitt.

Wenn ich auf den Höhleneingang zugehe, werden sie mich festnehmen, überlegte Peter. Es ist wohl unmöglich, auf diesem glasblätterübersäten Boden, ohne gehört zu werden, an ihnen vorbeizuschleichen. Auch entfernen kann ich mich nicht mehr. Außerdem werden sie nicht zögern, sofort Verstärkung anzufordern. Da ich nun aber einmal hier bin, will ich das Abenteuer wagen. Denn Großmutter würde mich auslachen, wenn sie von mir hören müßte, ich sei im Nirmas-Wald einer Höhle begegnet und habe aus Angst verzichtet zu erfahren, was es mit ihr auf sich hat.

Wer da? schrie einer der Uniformierten, denn Peter war auf einer gläsernen Wurzel ausgerutscht und hatte ein Geräusch nicht vermeiden können.

Schon kamen sie, das Kehrblech zum Schutz vor sich gereckt, mit vorsichtig waghalsigen Schritten auf Peter zu.

Halt! Stehengeblieben! schrie der andere und fuchtelte in mehrere Richtungen, denn offensichtlich war er ebenso kurzsichtig wie sein Begleiter.

Es ist ein Ump! schrie der erste jetzt. Es ist sicher ein Ump! Siehst du, wo er sich aufhält?

Nein, ich kann ihn nicht entdecken, keuchte der zweite und drehte sich, immer mit dem Kehrblech sichernd, mehrmals um seine Achse.

Wenn ein Ump da ist, so soll er sich melden, versuchte es der erste jetzt und blieb stehen.

Wir wollen ihn festhalten, wir sollen ihn festhalten, repetierte der zweite, als sage er die Dienstpflichten auf.

Peter mußte sich zusammenreißen, um nicht laut zu lachen. Er hatte noch nie etwas so Komisches gesehen. Wenn Großmutter da wäre, sie könnte das Lachen nicht eine Minute verbeißen, dachte er. Dafür ist jetzt aber keine Zeit, ging es ihm durch den Sinn. Ich werde nun doch versuchen, um diese hervorragenden Wächter herumzuschleichen und die Höhle auf meine Weise zu erkunden. Wer weiß, was sie mit mir anstellen würden, wenn ich so gutmütig wäre, mich in ihre Hände zu geben.

Er duckte sich und huschte nach links, doch gleichzeitig warf er ein Blatt, das er aufgehoben hatte, in die andere Richtung, wo es klirrend zu Boden fiel und zersplitterte.

Die Mehrzahl der Geräusche verwirrte die Uniformierten.

Wir müssen uns trennen, sagte der erste und ließ das Kehrblech ein wenig sinken. Es sind mehrere Umps.

Wir sollten Hilfe anfordern, sagte der andere und zog den Kopf ein. Wenn es zu viele sind, können wir nicht allein mit ihnen fertig werden.

Er ging auf den ersten zu und schaute ihn fragend an.

Es könnte aber auch sein, daß es ein Eichhorn ist, das mit faulen Nüssen um sich wirft. Woher wissen wir, daß Umps in der Gegend sind?

Ein Ump ist gemeldet. Du hast doch gehört, was Onkel Bischpelmann gesagt hat.

Ist denn sicher, daß er sich nicht getäuscht hat? Er ist schon manchmal einer falschen Meldung auf den Leim gegangen.

Augenzeugenbericht, bitte! Diesmal war es ein Augenzeugenbericht.

Peter hörte, wie sie sich ereiferten, und mit einigen vorsichtigen Schritten erreichte er den Eingang der Höhle, ohne daß sich die beiden noch länger um ihn kümmerten.

Seltsame Rechthaber, als Wächter sicher ganz ungeeignet, dachte er. Dennoch war er froh, daß sie so wenig ihrer Aufgabe gewachsen waren.

Der Eingang der Höhle öffnete sich zu einem geräumigen Gang, der in mäßigen Windungen in das Innere des Berges führte.

Man sieht, daß der ganze Berg aus Glas ist, Glas, das in allen Farben funkelt und glitzert, und doch ist kein Licht zu sehen. Es ist aber wunderbar hell, staunte Peter.

Die Helligkeit nahm nicht, wie er erwartet hatte, nach einigen Windungen des Ganges ab, da der Schein von außen immer schwächer werden mußte, je weiter sich Peter vom Eingang entfernte. Immer lichter wurde es im Glasgestein, als komme dieses verborgene Licht erst zur Geltung, wenn kein äußerer Strahl mehr darauf fallen und seine innere Kraft überdecken konnte.

Die Nurmiran-Höhle, es muß die Nurmiran-Höhle sein, durchfuhr es Peter. Wie konnte ich nur einen Augenblick vergessen, was Großmutter mir von ihren Schätzen und Wundern erzählt hat!

Auch die Höhe des Ganges nahm nun zu. Der Boden war mit vielen Tausenden wie Smaragde schimmernden Glastäfelchen übersät, die sich unter Peters Füßen klingend schoben und mischten, ohne zu zerbrechen. Ein immerwährendes Tuscheln entstand und wurde begleitet von hundertfältigem Echogewisper, das an den Wänden zitternd und lispelnd emporfuhr.

Schon setzte sich das Licht fast schmerzhaft in Peters Augen fest, bunte Räder sprangen ihm übers Gesicht, rollten die Wände entlang und nötigten ihn, die Augen von Zeit zu Zeit zu bedecken, weil der tönende Klingglanz ihn ganz schwindelig machte.

Es sind Spiegelchen, erinnerte er sich. Großmutter hatte den Weg in die Höhle als schwierig geschildert. Unter dir wachsen unendliche Schichten von Zeit empor, Peter, soviel Zeit, wie seit Anfang der Zeit vergangen ist. Und jede Minute ist ein blitzendes farbig schillerndes Spiegelchen, das an deinen Füßen leckt und deinen Gang beunruhigt. Denn wer kann ohne Schwindel über die Zeit hinwegsteigen? So wird es dir ergehen, wenn du je die Gelegenheit haben wirst, deinen Fuß in den Bauch der Nurmiran-Höhle zu setzen.

Jetzt bin ich da, dachte Peter. Ich bin auf dem Weg in den Bauch der Nurmiran-Höhle und bald werde ich wissen, was er birgt, worüber die Großmutter jedoch immer Schweigen bewahrt hat.

Peter dachte daran, wie sein Vater Tag und Nacht seinen Turm bewohnte und die Schiffe beobachtete, immer bereit, das Schiff mit der Goldlast Pantadafanti zu erwarten. Wie wäre der Vater jetzt stolz auf ihn, nun, da er kurz vor der Entdeckung stand, die alles übertraf. Denn wie konnte die Goldlast Pantadafanti gegen das bestehen, was am Grund der Nurmiran-Höhle verborgen lag? Wenn er, Peter, mit den Geheimnissen der Nurmiran-Höhle aus dem Walde heimkehren würde, mußte sich der Vater nicht geschlagen geben?

Ich war im Nirmas-Wald, Vater, würde er sagen. Und wenn der Vater zornig würde - er hatte es verboten, die Grenzlinie zu überspringen, und Ungehorsam jagte ihm immer Zornröte übers Gesicht - wenn er die Hand heben würde, um ihn zu züchtigen, würde er es triumphierend hinausschreien, seinen Sieg, seinen ungeheuren Erfolg, die Entdeckung der Nurmiran-Höhle, gegen die die Goldlast Pantadafanti nur ein schmutziges kleines Häufchen sein würde.

Peter lehnte mit dem Kopf gegen die Wand und hielt sich mit den Händen fest. Er spürte, wie ihn ein Schwindel um die eigene Achse drehte und seine Hände keinen Halt mehr fanden. Hilflos glitten sie ab, und es war ihm, als klinge es um ihn her aus tausend kleinen, bald wispernden und tuschelnden, bald lachenden und kichernden Kehlen.

Er wollte schon schreien, als ihm einfiel, daß niemand die Tiefen der Nurmiran-Höhle erreichen konnte, der auf dem Weg dorthin nach Hilfe rief.

Was hatte die Großmutter ihm geraten? Er besann sich mit großer Anstrengung. Irgendeinen Hinweis mußte er doch in ihren Erzählungen bekommen haben.

In seiner Verwirrung griff er in die Tasche und stieß auf die Zwiebel Sirpenti. Ja, ich erinnere mich, so war es, eine Frucht mußte gegessen werden. Auch wenn die Großmutter nichts von einer Zwiebel gesagt hatte, sie war die Hilfe, die er gesucht hatte.

Mit großem Eifer führte er die Zwiebel zum Mund und versuchte hineinzubeißen. Wie groß aber war seine Enttäuschung, als es ihm nicht gelang, einen Biß in die Zwiebel Sirpenti zu tun. Ärgerlich schüttelte er den Kopf und stampfte mit dem Fuß, so daß ein ungeheurer Lärm aufstieg und sich hallend durch die gewundenen Höhlengänge verlief. Beinahe hätte er die Zwiebel Sirpenti gegen die Wände aus Glas geschleudert. Doch er sah, daß er keine Zwiebel in der Hand hielt, sondern eine Kugel aus Gold.

Gold! staunte Peter. Die Zwiebel ist zu Gold geworden! Kein Wunder, daß ich mir die Zähne an ihr ausbeiße. Aber gut so, so kann sie nicht gar verderben und wird wohl ihre Kraft für andere Gelegenheit bewahren müssen.

Und jetzt erinnerte er sich, daß er in der anderen Hosentasche die Gurke Lagrundeli aufbewahrte.

Wo die Zwiebel versagt, wird die Gurke helfen, rief er aus und griff in großer Not nach ihr. Der Höhlengang hatte sich in einen brausenden Strudel von tanzenden Lichtfunken und springenden Zeitflämmchen verwandelt, die seinen Kopf wie ein feuriges Rad umwirbelten und unablässig tuschelnd auf ihn losdrangen. Peter gelang es, die Gurke Lagrundeli aus der Tasche zu ziehen und hineinzubeißen. Wieder stieg ihm der bitterliche Duft in die Nase, der jedoch sogleich besiegt wurde von dem süß die Zunge und den Gaumen überschmelzenden weichen Schneebalsam, der die Gurke Lagrundeli zu einer so wunderbaren Speise machte. Zugleich wisperte sie ‘Je ein Biß, so schnell der Riß’, und im selben Augenblick beruhigte sich das tobende Durcheinander.

Peter fand sich am Grunde der Nurmiran-Höhle und erblickte das Skelett des Tahurgi-Menschen.

© Alkyon Verlag

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